Marie Bornickel

Israel – ein neue Welt hinter jeder Ecke

In Schwerelos on Juni 18, 2012 at 9:27 am

Wer nach Israel reist, hat viele Bilder im Kopf. Die meisten stammen aus dem Nahost-Konflikt. Eine Studienreise ins heilige Land zeigt: Das heilige Land hat mehr als Konflikt und engstirnige Politik zu bieten. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach scheint.

Jordantal, Foto: privat

Jordantal, Foto: privat

Dreißig Kilometer entfernt, schlagen Kurzstreckenraketen ein. Die Regierung berät über einen Luftangriff auf Gaza Stadt. Die Tagesschau spricht von der blutigsten Auseinandersetzung seit 2008. Draußen vor dem Gebäude plätschert der Springbrunnen. Es ist warm. Der Wind aus der Wüste Negev bringt sommerliche Temperaturen mit sich. Im Konferenzraum summt die Klimaanlage und untermalt Shai Ben Amis Worte mit einer monotonen Melodie. Gerade berichtet er von seiner Zeit bei der Armee. Diese drei Jahre Armeedienst seien obligatorisch – für Frauen und Männer. In Israel gibt es eine andere Einstellung zum Militär als in Deutschland. Die Wenigsten verweigern den Kriegsdienst, die Armee ist Berufsvermittler und Chancengeber. Häufig werden Geschäftsideen in der Militärzeit entwickelt. Israel ist ein Einwanderungsland. Die Migranten werden durch den Wehrdienst in die Gesellschaft integriert und erhalten einen Chrashkurs der hebräischen Lebensweise. Dazu gehört auch, in ständiger Angst zu leben, dass ein Nachbarland einen Militärschlag verüben wird und den Staat am Mittelmeer von der Landkarte tilgt. So ist es nicht verwunderlich, dass Shai Ben Ami die Armee als Lebensversicherung bezeichnet. Ami zählt zu den engagierten jungen Erwachsenen in Israel. Er studiert Soziologie, arbeitet im biblischen Zoo und tritt für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Früher war er Jugendberater des Bürgermeisters von Jerusalem. Der 28-Jährige wurde eingeladen, damit er von seiner jüdischen Identität im israelischen Alltag erzählt. Dazu gehört auch und vor allem das Militär. Über die aktuellen Auseinandersetzung im Gazastreifen möchte er allerdings nicht sprechen. Er vertraue dem Raketenabwehrsystem und seinen Kollegen. Auch das ist Teil der israelischen Mentalität. Während Be´er Sheva unter Beschuss steht, geht die Tel Aviver Bevölkerung feiern. Das Nachleben gilt als eines der aufregendsten im Nahen Osten. Man lebt hier den Moment weil niemand weiß, was morgen ist. Es wird gefeiert, solange man noch kann. Wer kann sagen, ob nicht am nächsten Tag ein Selbstmordattentäter eine Bombe in einem Bus oder Café zünden wird?

Foto: privat

Foto: privat

Vielfältigkeit und Koexistenz

Israel ist wie ein großes Puzzle. An jeder Ecke wartet einen neue Erfahrung, eine andere Welt. Bewaffnete Soldaten prägen das Stadtbild in Tel Aviv und Jerusalem. Eine Gruppe Jugendlicher am Strand kann wenige Minuten später als Soldatentrupp in kompletter Uniform zum Aufbruch drängen. Die Strandbar verkauft westliche Getränke – es gibt europäisches Bier und Cola mit hebräischem Schriftzug. Dahinter steht eine ausgebrannte Diskothek. Sie war Ziel eines Selbstmordanschlags zu der Zeit, als Joschka Fischer deutscher Außenminister war. Fischer residierte in einem Hotel direkt gegenüber der Disko, als die Bombe zündete. Hinter jenem Hotel ragen Minarette der muslimischen Moscheen in den Himmel. Fetzen der Gebetsrufe trägt der Wind bis an den Strand. Die Hafenmauer ist mit arabischen Kalligraphien geschmückt. Ein Straßenhändler steht dort und vermittelt seinen Kunden eine Vorahnung des großen Bazars im arabischen Viertel in Jerusalem. Was das Stadtbild möglich macht, ist der israelischen Gesellschaft nicht gelungen. Eine vollkommene Integration aller gesellschaftlichen Gruppen gibt es nicht. Das erzählt Sofy Shanir, eine Muslima, deren Eltern aus Persien stammen. Schon der Besuch des hebräischen Gymnasiums war nicht immer leicht. Einmal ließ die Lehrerin Sofy aufstehen und behauptete, Sofys Vorfahren seien Schuld daran, dass Jesus gestorben sei. Daraufhin lief sie weinend nach hause. Heute studiert sie Fotografie in Jerusalem, während ihre hebräischen Klassenkameraden momentan in der Armee dienen. Als Mitglied der arabischen Minderheit musste Sofy keinen Wehrdienst leisten. Das bedeutet aber auch, dass ihr gewisse Privilegien, zum Beispiel bei der Wohnungsvergabe, verwehrt belieben. Einer von vielen Punkten, die auf eine Zweiklassengesellschaft hindeuten. Und dann gibt es noch die Mauer.

Foto: privat

Foto: privat

Eine Mauer, die Wohlstand und Rückstand trennt

Die Schnellstraße von Tel Aviv zu den Golanhöhen führt entlang eines Grenzzauns. Ohne die Schilder wirkt er fast harmlos, wie die Umzäunung eines Unternehmens. Er teilt das Westjordanland und Israel. Gebaut wurde die Sperranlage 2003, als Reaktion auf die knapp 70 Selbstmordanschläge palästinischer Radikaler. Auf der anderen Seite des Zauns beginnt ein Gebiet, das in verschiedene Zonen geteilt ist. Sie legen fest, wer hier die zivile und polizeiliche Gewalt stellt. So unterstehen die A-Zonen komplett der palästinischen Autonomie, C-Zonen werden von Israel verwaltet. Wollen die Palästinenser die Grenze passieren, um beispielsweise zu ihrer Arbeitsstätte zu kommen, werden die streng kontrolliert – ein oftmals stundenlanges Prozedere. Umgekehrt ist es den Israelis verwehrt, die A-Zonen zu betreten. Für einen Besuch im palästinensischen Ramallah bedeutet das einen Busfahrer- und Guidewechsel. Hier dürfen nur Angehörige der muslimischen Minderheit einreisen. Ramallah ist eine der größten Städte im Westjordanland und wird als dessen Hauptstadt gehandelt. Über einen Checkpoint nahe Jerusalem gelangt man an den Ort, an dem sich neben einem Teil der Regierungsinstitutionen auch das Grab von Jassir Arafat befindet. Die Sperranlage ist mittlerweile zu einer Waschbetonmauer gewandelt. Ähnlich wie die Berliner Mauer ist sie bunt bemalt, die Bilder repräsentieren ein Stück der palästinensischen Kultur: Musikbands, Sprüche und Karikaturen bekannter Politiker sind zu sehen. Die selbsternannte Hauptstadt lässt erkennen, wie groß die Unterschiede zwischen Israel und Palästina sind. Zwar gibt es auch hier Hochhäuser, Geschäfte und ein Kino, nach modernen westlichen Gebäuden mit schlichten Linien und Glasfront sucht man aber vergeblich. Seit die Regierung Israels die Ein- und Ausfuhr von Gütern kontrolliert und Baugenehmigungen erteilt, driftet die Entwicklung beider Gebiete auseinander. Manchmal wird sogar das Toilettenpapier in den palästinensischen Geschäften knapp. In der einzigen Universität im Westjordanland studieren die Zöglinge der Oberschicht. Ahmad Batyeh arbeitet hier an seinem Abschluss in Architektur. In ein paar Stunden muss er sein Abschlussprojekt präsentieren. Er hat einen Flughafen entworfen, die stromlinienförmige Gestaltung der Gebäudelinien soll den Aufbruch signalisieren. Er wird diesen Flughafen nie bauen können, zumindest nicht im Westjordanland. „Die israelische Regierung würde dem Bau eines Flughafens niemals zustimmen. Aber vielleicht wird es eines Tages doch möglich sein.“ Ahmads Blick schweift in die Ferne, er wirkt plötzlich nachdenklich. Es zieht ihn nach Europa, verrät er, dorthin wo alle frei sind und alles möglich ist. Trotzdem wird er erst einmal in Ramallah bleiben und im Unternehmen seines Vaters arbeiten: „Es ist wichtig, dass die jungen Menschen hier sind und für ihr Land arbeiten.“

Foto: privat

Foto: privat

Von einer Reise nach Israel bleiben viele Bilder. Die unzähligen Eindrücke lassen sich nicht einfach so verbinden. Zu unterschiedlich sind die Menschen und Ereignisse in diesem zerrüttelten Land. Dennoch bleibt ein Gefühl der Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die Tagesschau eines Tages von der Vielfalt des Landes berichtet, statt einschlagende Raketen zu zeigen.

Dieser Artikel erscheint auch im freien Unimagazin Scheinwerfer (http://scheinwerfer.uni-bremen.de/)

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