Marie Bornickel

Rezension „Ich und Ben“

In Schwerelos on August 19, 2012 at 9:05 pm

Kann das funktionieren? 21 Jahre auf 220 Seiten zu beschreiben? Ohne großen Zusammenhang, in Form kurzer Episoden? Eine gute Portion Skepsis schwingt mit, wenn der Leser das Buch aufschlägt. Schon mit der ersten Seite befindet er sich mittem im Geschehen.

Dezember 1986 – Ben wird geboren und sein Vater ist mit der ganzen Situation etwas überfordert. Er muss erstmal weg, raus, einen Freund besuchen und entsorgt bei der Gelegenheit die Nachgeburt im Mülleimer. Diese kurze Szene ist prägend für das Buch. Schon kurze Zeit später trennen sich Bens Eltern. Als alleinerziehender Vater, sowas wie die Modeerscheinung der Gegenwart, schlägt sich der Protagonist mit Ben durch. Dabei scheint es, als reiche schon die eigenen Probleme für zwei Leben. Der Ich-Erzähler hat kein abgeschlossenes Studium – dafür aber viele angefangene. Zeitweise leben die beiden in einem Gartenpavillon, weil das Geld für eine bessere Wohnung nicht reicht. Seine spätere Frau betrügt die Hauptperson mit der Nachbarin, als er das neue Heim saniert.  Und dann ist da noch Ben. Ben, der wächst, in die Schule kommt, das Gymnasium nicht schafft, Drogen in seiner WG züchtet und am Ende des Buches vor seinem Haftantritt steht.

Menschen – alltäglich und ungeschönt

Schon mit dem Titel lässt sich erahnen, dass es weniger um die Vater-Sohn-Beziehung geht (die faktisch nicht vorhanden ist), sondern eher um Bens Vater – Ich steht an erster Stelle. Dem Autor ist die große Kunst gelungen, keine einzige Episode zu bewerten. Der Leser wird, recht schonungslos, mit den Geschehnissen konfrontiert. Ob er sie gut oder schlecht, moralisch verwerflich oder angemessen beurteilt, bleibt ihm vollkommen selbst überlassen. Der Leser sieht die Welt durch die Augen von Bens Vater. Trotzdem scheint es, als komme ihm die Rolle des Beobachters zu, fast wie in einem Dokumentarfilm ohne erklärenden Kommentar. Wahrscheinlich ist es auch aus diesem Grund nicht möglich, die Kernaussage Andreas Durys zu erkennen. Ob und wann ja, was er mit „Ich und Ben“ erzählen möchte bleibt im Dunkeln. Vielleicht geht es einfach um die Schilderung der Menschlichkeit – ungeschönt und alltäglich.

Andreas Dury hat eine sehr interessante Möglichkeit gefunden, uns das Leben von Ben und seinem Vater näher zu bringen. Alle zwei oder drei Jahre taucht man in das Leben der beiden ein und zieht sich ebenso abrupt wieder hinaus. Einleitungen und Erklärungen gibt es nicht. Auf den Leser kommt viel Rekonstruktionsarbeit zu. Er muss Zusammenhänge selbst herstellen, er muss herausfinden, dass Bens Vater plötzlich verheiratet ist oder Ben in die Schule geht. Kleine Hinweise helfen ihm jedoch dabei. In welches Genre das Buch nun einzuordnen ist, bleibt offen. Eine andere, neue Leseerfahrung ist es auf jeden Fall.
Das Buch ist im Conte-Verlag erschienen.

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