Marie Bornickel

Noteninflation – Zwischen Leistungsdruck und Selbstselektion

In Botengang on Juli 1, 2013 at 10:05 am

Kommentar

"Fritz Schumann" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

„Fritz Schumann“ / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

80 Prozent der Studenten verlassen die Deutschen Unis mit der Note sehr gut oder gut. An diesen Zahlen ist wenig zu rütteln. Wer das bloße Ergebnis jedoch zum Anlass nimmt nach härterer Benotung zu rufen, verkennt den Mechanismus hinter den immer besseren Noten. Gute  Noten müssen nämlich nicht per se mit lascher Bewertung zusammen hängen. Der Bewertungsspielraum bei Klausuren ist  sehr eng gesteckt. Hier zählen die richtig beantworteten Fragen. Je nach erreichtem Prozentanteil werden dann die Noten vergeben, die Prozentsätze sind für alle Klausuren über alle Fächer annähernd gleich. Hinzukommt dass viele Klausuren zum großen Teil aus Multiple-choice-Fragen bestehen. Von einer großzügigen Auslegen von Antworten kann nicht die Rede sein, von einem aufgeweichten Bewertungssystem ebenfalls nicht.  Jeder Student schreibt durchschnittlich drei bis vier Klausuren pro Semester. In einigen Fächern wie Medizin und Wirtschaftswissenschaften liegt der Durchschnitt noch höher.  Ein großer Teil der Bachlor-Note setzt sich also aus Klausurennoten zusammen.

"Patrick Wolfrom" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

„Patrick Wolfrom“ / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Warum aber schneiden Studenten in Klausuren vermeintlich so gut ab? Die Antwort liegt in der Selbstselektion der Studenten. Um überhaupt studieren zu können, muss der NC erreicht werden. In den letzten Jahren wurden, angesichts von Doppeljahrgängen und Abschaffung der Wehrpflicht , immer mehr Studiengänge mit Zulassungsbeschränkungen versehen. Generell stiegen die NC-Werte in Deutschland an. Sprich: Nur sehr gute Schüler nehmen ein Studium auf und bringen auch weiterhin gute Leistungen. Das Filtersystem setzt sich dann an der Uni fort. Wer dreimal durchfällt, wird exmatrikuliert und kann sein Fach an keiner anderen Uni mehr studieren. Damit fällt er oder sie aus der Noteninflationsstatistik heraus. Aber auch wer nicht dreimal an der Klausur gescheitert ist, bricht sein Studium manchmal ab. Sei es, weil fünf Klausuren mit einer 4,0 im Abschlusszeugnis nicht so gut aussehen oder der Studiendruck zu groß wird. 28 % der Studierenden haben laut Hochschulinformationssystem ihr Studium im Jahr 2010 abgebrochen. Bis zum Bachlor- oder Masterabschluss schaffen es also nur die Besten. Die haben dann, erwartungsgemäß, auch die besseren Noten.  Statt über den Verfall des Bewertungssystems zu diskutieren, sollte Politik und Wissenschaft lieber über Abbrecherquoten und Leistungsdruck an den Universitäten nachdenken. Das sind die tatsächlichen Probleme, die sich hinter dem vermeintlichen Bewertungsverfall verstecken. Von einer Noteninflation jedenfalls sind die deutschen Universitäten weit entfernt.

Dieser Kommentar erschien im Freien Unimagazin Scheinwerfer.

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  1. Die Argumentation ergibt nur sehr begrenzt Sinn. Es wird nicht berücksichtigt, dass bei vielen Klausuren das Auswendiglernen der einzige Weg zum Erfolg ist. Bei solchen Klausuren ist der Unterschied zwischen 4,0 und 1,0 recht gering. Oftmals sind auch Fragenkataloge samt Antworten zu lernen und wer die kann bekommt eine 1,0. Bei der oftmals verwendeten Prozentskala werden 50% für eine 4,0 und 95% für eine 1,0 erwartet. Eine 3,3 gibt es ab 60%. Hier liegt vielleicht ein kleiner Teil der Erklärung für gute Noten: Der 4er-Bereich ist schmal und bildet kein richtiges „Auffangbecken“. 49% der Punkte sind durchgefallen, aber 60% schon befriedigend.
    Die Sache mit der Klausuranzahl ist nicht ganz so klar wie im Beitrag dargestellt, es kommt schon auf das Fach an. Außerdem kann es auch Unterschiede zwischen BA und MA geben. So fließen oft auch Hausarbeiten und Referate stärker ein. In diesem Bereich wird die Notenskala oft nicht ausgeschöpft.
    Zum Hauptargument des Textes, also Leistungsdruck und Selbstselektion. Die Argumente klingen oberflächlich betrachtet einleuchtend. Wenn nur die besten und motiviertesten das Fach studieren, dann führt dies zu guten Noten. ABER: Es ist ja gerade die Aufgabe der Notengebung, Unterschiede herauszustellen. -> Wenn alle annähernd die selben Noten bekommen, bringt die Sache nichts. Man kann immer weiter differenzieren, beispielsweise durch schwerere Aufgaben oder schlechtere Noten für Referate und Hausarbeiten. So ist es problemlos möglich, eine etwaige Normalverteilung zu erzeugen. Siehe hierzu die ECTS-Noten mit relativer Bewertung: Die besten 10% der Erfolgreichen bekommen ein A, die nächsten 25% ein B, dann ein 30% ein C, 25% ein D und 10% ein E.
    Wenn man aber der Meinung ist, Exzellenz der Studierenden müsse sich auch in den Noten wiederspiegeln, warum führt man dann nicht eine Skala etwa wie bei den Juristen ein? Hier gibt es noch die Note „vollbefriedigend“. Der Vorteil: Man kann im oberen Bereich besser differenzieren und die Note „gut“ bedeutet eben auch gut.

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