Marie Bornickel

Archive for 2016|Yearly archive page

Ein lebendes Inseldenkmal

In Schwerelos on Oktober 14, 2016 at 10:26 pm

Ausrufer gibt es nur noch wenige in Deutschland. Bernd Krüger ruft die Bekanntmachungen auf Norderney aus und ist selbst zu einem Stück der Insel geworden. 

„Bekanntmachung – Bekanntmachung“, schallt es über den Marktplatz. Das e in Bekanntmachung ordentlich lang ziehend verkündet Bernd Krüger die Informationen des Tages. Wann das Kino öffnet, was im Theater gespielt wird und welche Öffnungszeiten das Schwimmbad heute hat. Er arbeitet als Ausrufer auf der Insel Norderney – ein Beruf mit Tradition. Früher, als Radioempfänger noch nicht in jedem Haus zu finden waren, hatte fast jede Stadt einen Bediensteten, der den Menschen die Neuigkeiten des Tages verkündete. Mit der Entwicklung der neuen Medien und sinkenden Zeitungspreisen wurde der Beruf des Ausrufers bald obsolet. Viele Städte kündigten ihren Ausrufern und bald geriet das Amt vieler Orts in Vergessenheit. Eine Ortschaften jedoch haben sich diese Tradition bewahrt – oder haben sie wie im Fall von Norderneys wieder aufleben lassen. „Als ich ins Amt kam, gab es hier keine Ausrufer mehr, dass kann ich Ihnen erzählen“, berichtet Bernd Krüger. Er arbeitete über vierzig Jahre lang als Verwaltungsangestellter in der Stadt, bis eines Tages der Renteneintritt vor der Tür stand. „Wie es dann weiter ging, dass kann ich Ihnen erzählen. Plötzlich stand der Leiter der Kurverwaltung bei mir in der Tür und fragte ‚Bernd, willste das nicht machen?‘ und da habe ich ja gesagt.“

Ein lebendes Wahrzeichen der Insel

Dass er eines Tages zu den lebenden Wahrzeichen der Insel gehören würde, hatte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht träumen lassen. Jetzt ist er bei Urlaubern und Einheimischen gleichermaßen bekannt. Er kann kaum durch die Straßen gehen, ohne von einem Norderneyer gegrüßt zu werden. Oft laufen Bernd Krüger auch Scharen von Kindern hinterher, für die er stets Gummibärchen und Luftballons in der Tasche hat. 50 bis 100 Luftballons pro Tag würde er aufpusten, so Krüger. Sogar ins Fernsehen habe es der 68-Jährige schon geschafft, zuletzt zur Sendung Verstehen sie Spaß?!. Vor dem Platz den Conversationshauses, dem Herzstück der Stadt, hat Krüger Motsi Mabuse und Co. anmoderiert. „Ich werde immer wieder von Gästen angesprochen: ‚Hey, Sie habe ich doch gestern im Fernsehen gesehen!'“, berichtet der Ausrufer. Will er doch mal seine Ruhe haben, legt Krüger seine Ausrufer-Kluft ab. Dann werde er selbst von manchem Inselbewohner nicht erkannt. Die Kluft hat sich der begeisterte Hobbygärtner selbst zusammengestellt, eine offizielle Kleidung für Ausrufer gibt es nämlich nicht. Neben einem blau-weiß gestreiften Fischerhemd, das typisch für die Region ist, trägt Krüger eine auffallend Schiffermütze. Das rot ist von Regen und Sonne ausgeblichen, doch die unzähligen Anstecker fallen ins Auge. Fast alle großen Städte Niedersachsens sind vertreten: Hameln, Harz und Hannover finden sich dort beispielsweise. Auch einige Städte weiter südlich sind durch einen Pin vertreten. „Woher die kommen, dass kann ich Ihnen erzählen“, beginnt Krüger mit einer seinen Lieblingswendungen, „die habe ich von Gästen bekommen. Die meisten gucken immer: Ist meine Stadt schon drauf? Und wenn nicht, dann schenken sie mir einen Anstecker. Letztens habe ich zum Beispiel Post aus Bremen bekommen, da war die Speckflagge drin.“ Die große, gußeiserne Glocke gehört hingegen zur Ausrüstung jedes Ausrufers dazu. Mit ihr buhlt der Rufende um die Aufmerksamkeit der Inselgäste. Krüger trägt das kleine Gegenstück am linken Ohr als Ohrring. Eine kleine goldene Glocke baumelt leise bimmelnd am Läppchen. „So einen Ohrring habe ich zuerst bei einem Ausruferkollegen gesehen“, beginnt Krüger eine seiner Anekdoten. Einen solchen Ohrring wollte er auch haben und so führte ihn sein Weg zum örtlichen Goldschmied. Der aber musste zugeben, dass so ein Ohrring aus Gold sehr teuer werden würde. So sah sich Krüger nach einer Alternative um und stieß schließlich auf einen Süßwarenladen. Kurz vor Weihnachten wurde dort ein Weihnachtsmann geliefert, der eine passende Glocke trug. Kurzerhand schenkte die Verkäuferin Krüger die Glocke und der zog ins nächste Schmuckgeschäft. Dort kaufte er einen Ohrklipp, forderte die Verkäuferin auf, die Glock daran zu befestigen und fertig war das Schmuckstück und heutige Markenzeichen des Ausrufers.

Mit 15 Jahren auf die Insel

Was man mitbringen muss, um als Ausrufer zu arbeiten? „Für den Job braucht man ein gutes Gedächtnis und Spaß“, kann Krüger wieder erzählen – mit hartem, deutsch ausgesprochenen J. Morgens nehme er alle Zeitungen sowie den Veranstaltungskalender zur Hand und schreibe dann daraus seinen Text. Ab halb 11 beginnt er seine Runde durch die Inselstadt. Gegen ein Uhr ist er fertig – ja nach Andrang. Wenn viele Kinder auf der Insel sind, könne es auch schon mal halb zwei, zwei werden, sagt er. Viele Gäste erkennen ihn aus ihrem letzten Urlaub wieder. „Letztens meinte eine Dame zu mir: Wenn ich Sie sehe, dann bin ich auf Norderney angekommen“, so Krüger und ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Die meisten Besucher halten den Ausrufer für ein Norderneyer Urgestein, doch dass ist Krüger gar nicht. Mit 15 Jahren kam er auf die Insel, aus gesundheitlichen Gründen. „Wie das kam, das kann ich Ihnen erzählen. Die Ärztin sagte, Bernd, du musst nach Norderney, das wird hier nicht besser“, blickt der Rentner heute zurück. Damals brach er seine Lehre in seiner Heimatstadt Hameln ab und zog auf die Insel. Zuvor hatte er die Nordseeinsel ein paar Mal zur Kur besucht und Kontakt zu einer Heimleiterin hergestellt. Die alte Dame bot Krüger nach seinem Umzug ein Zimmer auf der Insel an. „Das war mein Glück – eigentlich hatte ich ganz schön viel Glück. Ich war immer von Leuten umgeben, die mich unterstützt haben“, erinnert sich der Ausrufer. Ein Leben auf dem Festland kann er sich mittlerweile nicht mehr vorstellen. Zu sehr habe er sich an die Insel mit ihren Touristen im Sommer und den ruhigen Wintern gewöhnt. S0gar die unter Einheimischen weniger beliebten Kegelclubs nimmt Krüger in Schutz: „Die meisten wollen einfach nur Spaß haben und sind ganz harmlos. Wenn sie durch die Stadt gehen, dann sehen sie vielleicht 50 Personen und zwei benehmen sich schlecht – aber an die erinnern Sie sich. Das ist doch kein vollständiges Bild!“ Für Krüger gehören die Touristen, ob als Familie oder Club, zum Leben dazu.

Laute Sommer und leise Winter

Trotz des Troubles ist der Sommer seine Lieblingsjahreszeit. Dann kann er nämlich in seinem Schrebergarten sitzen – sein Paradies auf Erden und größtes Hobby. Über fünfzig Gartenzwerge hat er an seinem Lieblingsort auf der Insel schon aufgestellt. Auch der Garten hält den Mann auf der Insel. „Ich kann nicht lange weg, ich muss mich ja um meinen Garten kümmern“, stellt der Ausrufer klar. Und dann ist da auch noch sein Nebenjob als Ausrufer von Ostern bis Oktober. In acht Jahren Dienst habe er kein einziges Mal gefehlt, berichtet Krüger stolz. Und so soll es auch weitergehen, möglichst lange hoffentlich, so lange, wie die Gesundheit mitmacht.

Leben in Ebbe und Flut

In Fundstück on Oktober 7, 2016 at 9:40 pm

Gleich hinterm Strand erstreckt sich eine Landschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Mal nass, mal trocken stellt sie eine extremen Lebensraum dar, der seit einigen Jahren sogar UNESCO-Weltnaturereb ist. 

jump.jpg

Credits: Laura Edelmann

„Watt ´n´Meer“, diesen Spruch findet der Norderney-Besucher beim Bummeln durch die Innenstadt auf Postkarten, T-Shirts und Kaffeebechern. Das sandig-matschige Gebiet mit dem Kurznamen Watt liegt nur einige Straßen weiter. Die Strandstraße hinunter führt der Weg vorbei am Deich, hinunter an die Salzwiesen und dann zum Meer. Seit 2009 zählt diese Gebiet zum Naturpark Wattenmeer Niedersachsen. Hält der unkundige Urlauber nur den Bereich hinter dem Strand für das Wattenmeer, weiß der Experte: Das Watt erstreckt sich schon dort, wo die Dünenlandschaft beginnt. Denn Dünen, Salzwiese und der Bereich, in dem das Wasser kommt und geht, zählen zum Wattenmeer dazu. Insgesamt 3.700 Quadratkilometer Fläche umfasst das Schlickgebiet vor niedersächsischen und hamburgischen Küste. Das Gebiet ist damit größer als das Saarland. „Alles das, was unter Wasser stehen kann, bezeichnen wir als Watt – Hochwasser bei Sturmfluten natürlich ausgeschlossen“, fasst es Sarah Leckschat zusammen. Sie verbringt ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Haus Nationalpark Wattenmeer auf Norderney. Dort ist sie für Besucherführungen und SchülerInnen-Seminare zuständig, in denen sie mit 5.- und 6.-KlässlerInnen am Strand auf Spurensuche geht.

Ranger kümmern sich um Naturschutz

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wurde 1986 gegründet und umfasst Watt, Priele und Rinnen, Meeresgebiete, Sandbänke, Strände, Salzwiesen und Dünen vor der Niedersächsischen Küste. Auch außerhalb der bewohnten Gebiete auf den Ostfriesischen Inseln finden sich Flächen, die zum Nationalpark dazu gehören. Ein Blick auf die Landkarte verrät: Das Watt erstreckt sich von der Grenze zu den Niederlanden am Dollart bis zur Elbmündung bei Cuxhaven. Dabei umfasst der Nationalpark eine Küstenlinie von 260 km.

17_Foehr_07-08-01.jpg

Credits: Christian Wegerle

Das Gebiet unterteilt sich in drei Zonen: Ruhezonen, Zwischenzonen und Erholungszonen. Ruhezonen sind strikte Schutzgebiete. Sie machen den größten Teil des Parks aus. Diese Zone darf ganzjährig nur auf den gekennzeichneten Wegen betreten werden. Ranger sind dafür verantwortlich, dass diese Regeln auch eingehalten werden. “Die Ranger schicken auch schon mal Urlauber auf Abwegen zurück in die Stadt”, erzählt die FÖJlerin. Die Zwischenzone darf hingegen außerhalb der Brutzeit, von Anfang April bis Ende Juli, auch abseits der Wege betreten werden. Die Erholungszone umfasst schließlich Strände, an denen Störungen, durch beispielsweise Autos, untersagt sind. Urlauber dürfen sich hier aufhalten, müssen ihren Müll aber wieder mitnehmen.

Nach siebenjährigen Bestehen als Nationalpark wurde das Gebiet 1993 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt. Ein großer Schritt in Richtung Naturschutz ergab sich 2009, als das Watt nach jahrelangen Schutzbemühungen schließlich zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde. Während des Prozesses zur Anerkennung zum Weltnaturerbe wurde die Fläche des Nationalparks von ursprünglich 244.000 ha im Jahr 1986 auf mittlerweile 345.000 ha vergrößert.

Leben in extremen Umgebungen

Im Haus Nationalpark Wattenmeer werden nicht nur Stranderkundungen bei Ebbe angeboten. Eine Ausstellung informiert interessierte Besucher über die drei Bereiche Ökologie, Geologie und Biodiversität – über jene Kriterien, nach denen die UNESCO das Wattenmeer als Weltnaturerbe ausgewählt hat. Hinter den wissenschaftlichen Fachbegriffen verbergen sich Vorgänge, die so nur an der Nordsee ablaufen. Am bekannteste ist wohl Ebbe und Flut. Wenn das Meer geht (in der Fachsprache heißt das trocken fällt), lässt es auf den ersten Blick eine öde Sandfläche zurück. Bei genauem Hinsehen verbirgt sich in diesem extremen Lebensraum aber wuseliges Leben.  10.000 Tier- und Pflanzenarten besiedeln die feuchte Schlickfläche. „Faszinierend sind die vielen kleinen Bewohner, wie die Muscheln“, zeigt sich auch Sarah Leckschat von der Vielfalt begeistert. Zu ihnen gehört zum Beispiel die Herzmuschel, die viele Strandbesucher als angespültes Strandgut kennen. Eine im Watt ausgegrabene lebende Muschel gräbt sich in wenigen Sekunden mit ihren kurzen Beinchen in den Meeresboden ein. Auf ähnliche Weise schützt sich auch der Wattwurm vor Fressfeinden: Ein Haufen „Sand-Spaghetti“ verrät, wo sich ein Wurm ca. 30 Zentimeter tief im Boden verbirgt. Der Wurm hat sich perfekt an die widrigen Lebensbedingungen angepasst und leistet ganze Arbeit für andere Wattbewohner. Weil er den Boden umgräbt und den Sand verdaut, transportiert er Nahrungsmittel für Scholle, Austernfischer und Co. an die Oberfläche. Doch für den Wurm hat die Anpassung einen Preis: Außerhalb des Wattenmeers kann er nicht überleben. So geht es den meisten Bewohner hier. Ohne das Watt wären sie aufgeschmissen.

Wattrutsche.JPG

Credits: Claudia Flach

„Die größte Bedrohung für das Wattenmeer ist der Mensch“, erklärt die FÖJlerin. Auch wenn das Watt heute unter Naturschutz steht, stellen Hundebesitzer, Touristen und Bauherren die Schutzbedürftigkeit des Watts immer wieder in Frage. So berichtet Sarah Leckschat von Vögeln, die am Plastik in ihrem Magen verhungert sind oder Hunden, die brütende Vögel in den Salzwiesen aufschrecken. Hinzu kommen laut WWF Giftstoffe, die über die Flüsse ins Watt gelangen. Ebenso soll die Ölförderung in der Nordsee dem Umweltverband zur Folge stark ausgebaut werden. Zwar dürfen die Bohrinseln nicht im Naturschutzgebiet errichtet werden, doch in direkter Grenznähe ist ein Bau möglich. „Die Tiere halten sich natürlich nicht an diese Grenzen und werden trotzdem gestört“, fasst es Sarah Leckschatz zusammen. Das Zusammenleben auf der Insel macht diese Tatsache nicht einfacher. Und so heißt es auch auf der Website der Stadtverwaltung Norderney:“ Sicherlich ist es nicht immer einfach, den Interessen von Natur und Tourismus und dem Wunsch nach freier Entfaltung gerade auf dem begrenzten Raum einer Insel zu entsprechen.“

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner auf einem Rechercheseminar der Jungen Presse Niedersachsen auf Norderney. 

 

 

 

Von leeren Häusern

In Fundstück on Oktober 1, 2016 at 5:33 pm

 

Lettland war nie ein reiches Land. Nach der Wirtschaftskrise hat sich die Lage noch einmalverschlechtert. Nun versucht eine Initiative leere Häuser wiederzubeleben.

img_0031

Credits: Lukas Höppner

Ein Gang durch die Rigarer Altstadt oder durch das Jugendstilviertelrund um die Alberta iela führt an beeindruckenden Fasseden vorbei. Reiche Verzierungen, verschnörkelte Ornamente und Wandbemalungen beeindrucken den vorbeigehenden Besucher. Die Fassaden verschleiern gut, dass Lettland das ärmste Land in der Eurozone. Erst beim zweiten Hinsehen wird deutlich: Viele Häuser sind unbewohnt, hinter den Fenstern tut sich nichts. Die vielen Holzhäuser am Rande des Zentrums zerfallen.

Die lettische Bevölkerung war nie reich. Traditionell haben die Letten jahrelang als Bauern bzw. Bäuerinnen und HandwerkerInnen gearbeitet. Man lebte in bescheidenen Verhältnissen auf dem Land und arbeitete für die Oberschicht innerhalb der Stadtmauern. Im Mittelalter markierte der Stadtgaben rund um Riga eine Grenze: Die Grenze zwischen Land-und Stadtbevölkerung, zwischen Unter- und Oberschicht. Kein HandwerkerIn oder Bauer durfte in der Stadt leben. Die Häuser dort waren den Großgrundbesitzern, Geistlichen und Rittern vorbehalten. Diese Oberschicht war allerdings nicht lettisch. Nach der Gründung Rigas durch den deutschen Bischof albert von Buehoeveden, zogen deutsche Händler und Kleinadelige in die Stadt und bauten ein Ständesystem nach deutschem Vorbild auf. Die lettische Bevölkerung hatte in den höheren Ständen aus Sicht der Städter nichts zu suchen und wurde fortan unterdrückt. Ein Vermögen konnte sich in dieser Zeit kaum ein Lette aufbauen.

Abwanderung nach Europa

Erst einige Jahrhunderte später, 1918, erklärten sich Lettland eigenständig. Doch schon im zweiten Weltkrieg wurde Lettland Teil der Sowjetunion und erhielt somit ein sozialistisches Wirtschaftssystem. Auch an den Folgen der Planwirtschaft leidet Lettland noch heute. Zwar haben sich mittlerweile auch ausländische Investoren im Land angesiedelt, doch die gehören eher dem Mittelstand an. Insgesamt wurden 2004 3,1 Milliarden Euro als Direktinvestitionen nach Lettland gebracht. Das größte Investorland ist Deutschland, gefolgt von Schweden, Finnland, Dänemark und Norwegen. Viele deutsche Unternehmen machen ihr Geschäft mit Energie- und Wasserversorgung, der größte deutsche Geldgeber ist die Ruhrgas/eon-Gruppe. Daneben gibt es viele skandinavische Unternehmen, die vor allem Banken in Lettland eröffnet haben. “Die Banken haben die Krise 2009 zu Verantworten”, so eine Mitarbeiterin der lettischen Nationalbibliothek.

By Lukas Höppner

Credits: Lukas Höppner

2009, das Jahr der Weltwirtschaftskrise, ist für viele LettInnen eine Zeit, auf die sie nichtgerne zurückschauen. Das kleine Land am Baltikum steckte damals mitten in den Verhandlungen zum Euro-Beitritt und wurde von der Krise hart getroffen. Die Wirtschaft brach um 18% ein, staatliche Investitionen wurden gekürzt und Arbeitsplätze gestrichen. Viele Menschen sahen in dieser Zeit keine Zukunft mehr in Lettland und wanderten in andere europäische Länder aus. Dort, so ihre Hoffnung, könnten sie sich eine neue Existenz aufbauen. Unter den Emigranten waren vor allem Männer. In Lettland ließen sie ihre Frauen und ihre Häuser zurück. Und so kommt es, dass auch heute, siebe Jahre nach der Krise, mehr Frauen als Männer das Straßenbild prägen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum viele Frauen die Karriereleiter vergleichsweise hoch klettern konnten. Auf Spitzenpositionen gibt es in Lettland mehr Frauen als in Deutschland. Allerdings wird den Frauen auch in höheren Positionen selten Verantwortung übertragen, erklärt Liene Gatere von der lettischen Frauenrechtsorganisation Marta. Neben den relativ gut bezahlten Frauen in Unternehmen gibt es jedoch auch viele Renterinnen, deren Rente nicht ausreicht, um die Wohnung zu bezahlen. Sie halten sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Plastiktüten in den großen Markthallen in Bahnhofsnähe über Wasser.

Zwischennutzung als Mittel gegen Häuserleerstand

Mit der Abwanderung wurden viele Häuser verlassen. In Lettland ist es eher üblich, ein Haus zu kaufen statt eines zu mieten. Doch immernoch fehlt den LettInnen das Geld, neue Wohnungen zu finanzieren. Hinzu kommen horrende Preise, vor allem in der Altstadt, wie Arne Schneider vom Goethe Institut erklärt. Gemeinsam mit seinen KollegInnen hat Schneider sich vorgenommen, leer stehende Häuser wieder mit Leben zu füllen. Sein Lösung ist die Zwischennutzung, bei der Aktivengruppen für ein oder zwei Jahre die leeren Räume nutzen können. Da kann ein Café, ein Kulturzentrum oder ein alternatives Kino entstehen. Erste Erfolge gibt es bereits, denn auch den HauseigentümerInnen kommt das Projekt entgegen. “Es passiert was im Haus. Die Benutzer sorgen dafür, dass das Gebäude nicht noch weiter zerfällt. Wenn der Besitzer das Haus dann doch eines Tages verkaufen will, kommt ihm das zu Gute. Eine Win-Win-Situation sozusagen”, meint Schneider. Um der Zwischennutzungsszene rund um Riga unter die Arme zu greifen plant das Institut momentan einen Austausch mit kreativen Gruppen aus Leipzig. Dort gehört Zwischennutzung bereits fest zum Stadtbild dazu.

Jurmala, ein Badeort an der Ostsee, liegt mit dem Zug gute 30 Minuten von der lettischen Hauptstadt entfernt. Hier trifft man sich am Strand, sobald sich die Sonne zeigt, notfalls auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Bahnstrecke säumen Plattenbauten und halb verfallene Häuser. Die Armut und der Leerstand sind hier deutlicher zu beobachten als in der Stadt. Im krassen Gegensatz dazu steht der Badort selbst. Kein leeres Haus weit und breit, dafür viele Neubauten zwischen Kiefernbäumen und gepflegten Vorgärten. “Jurmala ist meines Wissens nach die einzige Stadt in Riga, die wächst”, bringt es auch Arne Schneider auf den Punkt. Möglicherweise liegt das an den vielen RussInnen, die den Ort bevölkern. Speisekarten und Werbetafeln sind hier zweisprachig verfasst. Auf der Straße hört man hier häufiger Russisch als Lettisch. Denn wer als russischer StaatsbürgerIn ein Haus in Lettlan besitzt, kommt gleichzeitig in den Genuss der Freizügigkeit in der EU. Eine attraktive Aussicht für viele RussInnen. Vielleicht ist Jurmala aber auch eine Vision von Lettland, wie es hätte sein können – ohne Abwanderung und Wirtschaftskrise. Und wer weiß, vielleicht kommt mit dem nächsten Wirtschaftsboom auch die abgewanderte Bevölkerung zurück und belebt die leeren Häuser in und um Riga erneut.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Rechechereise der Jungen Presse Niedersachen und ist in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner verfasst worden. 

Ein Hauch von Omas Wohnzimmer

In Fundstück on September 29, 2016 at 5:42 pm

Die nationalkonservative Latvijas Avize gilt als eine der großen Tageszeitungen Lettlands. Traditionen werden hier großgeschrieben. Das zeigt sich nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in den Redaktionsräumen.

img_0180

Credits: Lukas Höppner

Drei Astronauten landen auf einem unbewohnten Planeten. Das erste, was sie nach der Landung tun: Eine Zeitung und Würstchen bei Narvesen, dem lettischen Schnellimbiss, kaufen. Ein dritter Raumfahrer hastet in Richtung Bistroeingang. Die drei pflegen auch fern der Heimat (moderne) lettische Traditionen. Die Karikatur ziert neben anderen gerahmten Bildern den Konferenzraum der Latvijas Avize und spiegelt die Leitlinien der Zeitung wider. Braune Stühle mit grünen Bezügen bilden den farblichen Kontrast zum Bild. Neben den Kaffeetassen im Regal steht ein Sack angefangene Blumenerde. In der Ecke verstaubt eine Projektor-Leinwand. Die Tageszeitung Latvijas Avize, was übersetzt Lettische Zeitung heißt, zählt zu den auflagenstärksten des Landes und gilt als nationalkonservativ. Besonders viel Wert wird hier auf eine solide Berichterstattung gelegt. Das sagen zumindest die RedakteurInnen. ¨Wir sind die Vertreter des kritischen Journalismus¨, behauptet Girts Vikmanis, einer der JournalistInnen in der Redaktion. Mit seinem blauen Jackett, der Markenuhr und dem weißen Hemd entspricht er dem konservativen Image der Zeitung. ¨Wir berichten kritisch über das, was die Regierung tut¨, erzählt Vikmanis weiter. Als Quellen dienen nicht nur Agenturmeldungen, die sowieso umgeschrieben werden. Neben den klassischen Zugängen nutze man auch Twitter, um eine Story zu recherchieren oder die Stimmung in der Bevölkerung einzufangen. Vor einiger Zeit hat sich ein hochrangiger Politiker über den Nachrichtendienst als homosexuell geoutet. Der Tweet wurde von der Redaktion aufgegriffen und in einen Artikel umgewandelt. Twitter – ein modernes Recherchetool á la Mobile Reporting, das dem konservativen Image widerspricht?

Oder doch eher eine weitere Möglichkeit, um Geld zu sparen? 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen. Fest steht, dass das Zeitungsgeschäft in Lettland nicht profitabel ist. Der Markt ist winzig, für die zwei Millionen Einwohner reichen drei Tageszeitungen aus. Die meisten Zeitungen finanzieren sich über andere Quellen als das eigentliche Tagesgeschäft, viele Verlage sind in der Hand von OligarchInnen, die Besitzstrukturen sind oft unklar. Vor diesem Hintergrund scheint es schon eine Leistung zu sein, wenn die RedakteurInnen sich nicht als Sprachrohr der ZeitungsinhaberInnen verstehen und stattdessen eigene Geschichten recherchieren. “In der Finanzkrise 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen und hat sich bis heute nicht erholt. Das wirkt sich auf die Qualität des Journalismus aus. Zusätzlicher Druck entsteht durch Internetportale wie Delphi und andere Seiten, die nicht primär journalistisch arbeiten. Meine These von 2003 hat sich bestätigt. Nach der zweiten Unabhängigkeit Lettlands haben ausländische Geldgeber den Markt übernommen. In der Krise sind sie abgewandert”, erklärt der lettische Medienprofessor Ainars Dimants die aktuelle Situation.

img_0188

Credits: Lukas Höppner

¨Latvijas Avize ist die einzige Zeitung, die profitabel ist¨, bemerkt Dimants. Durch den Verkauf von Büchern finanziert sich das Unternehmen zusätzlich. Damit kann die Latvijas Avize zumindest ansatzweise als freies Medium bezeichnet werden. Dass die traditionell an die ländliche Bevölkerung gerichtete Zeitung immer noch auf Traditionen setzt, zeigt sich an der Möblierung der Zeitungsräume. Den Büroräumen haftet der Charme der achtziger Jahre an. Im eigens für Interviews und Gespräche eingerichteten Zimmer steht eine hellbraune Polstergarnitur vor angegilbter Raufasertapete. Ein einsamer Beleuchtungsschirm deutet auf die eigentliche Nutzung als Fotoraum hin. Damit erinnert der Raum eher an Omas Wohnzimmer als an fortschrittlichen Journalismus. Nebenan befindet sich die Bibliothek mit alten, zu Büchern gebundenen Ausgaben. Traditionen werden hier großgeschrieben – wie sollte es in einer nationalkonservativen Zeitung auch anders sein? Stolz berichtet Vikmanis von Persönlichkeiten, die in der gut zwanzigjährigen Geschichte in eben diesem Raum empfangen wurden. Darunter auch der ein oder die andere PolitikerIn der ebenfalls nationalkonservativen Regierungskoalition.

Karikaturist und Geschichtsexperte

Obwohl die meisten Redaktionen in Lettland jung sind, liegt der Altersdurchschnitt der Avize deutlich höher. In einem kleinen, versteckten Büro sitzt Eriks Oss. Um zu ihm zu gelangen, muss man zunächst drei Treppenhäuser durchqueren, in denen es nach Mittagessen und Kantine riecht. Mit seinen 89 Jahren hat er schon so manches erlebt: Die Besatzung Rigas durch Russland, anschließend die Sowjetzeit und die zweite Selbstständigkeit 1991. Über seine persönlichen Erfahrungen möchte er nicht viel erzählen. Nur, dass er als Kind nach Deutschland flüchtete, daher spreche er noch immer gut Deutsch. Für die Redaktion arbeitet er als Karikaturist. Auch die Bilder im Konferenzraum stammen von ihm. ¨Um die Mittagszeit kommt die Chefredakteurin vorbei und gibt mir ein Thema. Dann habe ich zwei Stunden Zeit für die Zeichnung¨, erzählt Oss. Einen Computer sucht man auf seinem Schreibtisch vergeblich. Er arbeitet klassisch mit Zeichenkohle und Bleistift – auch das ist eine Form von Tradition.

img_0195

Credits: Lukas Höppner

Im Newsroom, ein Treppenhaus weiter, stapeln sich alte Zeitungsausgaben und Geschichtsbücher zwischen angestaubten Karteisystemen. Die Möbel scheinen aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Mittendrin sitzt er, zuständig für die Geschichtsthemen. Auch ihn kann man gut und gerne zum Inventar der Zeitung zählen. Zwar ist er nicht ganz so alt wie Oss, doch weiß er viel aus alten Zeiten zu berichten. Er erzählt von geschlagenen Schlachten, von Letten, die im zweiten Weltkrieg gegen Letten kämpfen mussten und von der zweiten Unabhängigkeit. Hört man seinen Vorträgen zu, erinnert er an Geschichtsexperten in amerikanischen Fernsehsendungen. XY lebt in seiner eigenen Welt, genauso wie die gesamte Zeitungsredaktion. Ob die Redakteure jemals neues Land betreten werden wie die drei Astronauten in der Karikatur ist fraglich. Sicherlich würden aber auch sie zuerst zu Narvesen gehen – Tradition muss schließlich sein.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Rechechereise der Jungen Presse Niedersachen und ist in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner verfasst worden.