Marie Bornickel

Ein Hauch von Omas Wohnzimmer

In Fundstück on September 29, 2016 at 5:42 pm

Die nationalkonservative Latvijas Avize gilt als eine der großen Tageszeitungen Lettlands. Traditionen werden hier großgeschrieben. Das zeigt sich nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in den Redaktionsräumen.

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Credits: Lukas Höppner

Drei Astronauten landen auf einem unbewohnten Planeten. Das erste, was sie nach der Landung tun: Eine Zeitung und Würstchen bei Narvesen, dem lettischen Schnellimbiss, kaufen. Ein dritter Raumfahrer hastet in Richtung Bistroeingang. Die drei pflegen auch fern der Heimat (moderne) lettische Traditionen. Die Karikatur ziert neben anderen gerahmten Bildern den Konferenzraum der Latvijas Avize und spiegelt die Leitlinien der Zeitung wider. Braune Stühle mit grünen Bezügen bilden den farblichen Kontrast zum Bild. Neben den Kaffeetassen im Regal steht ein Sack angefangene Blumenerde. In der Ecke verstaubt eine Projektor-Leinwand. Die Tageszeitung Latvijas Avize, was übersetzt Lettische Zeitung heißt, zählt zu den auflagenstärksten des Landes und gilt als nationalkonservativ. Besonders viel Wert wird hier auf eine solide Berichterstattung gelegt. Das sagen zumindest die RedakteurInnen. ¨Wir sind die Vertreter des kritischen Journalismus¨, behauptet Girts Vikmanis, einer der JournalistInnen in der Redaktion. Mit seinem blauen Jackett, der Markenuhr und dem weißen Hemd entspricht er dem konservativen Image der Zeitung. ¨Wir berichten kritisch über das, was die Regierung tut¨, erzählt Vikmanis weiter. Als Quellen dienen nicht nur Agenturmeldungen, die sowieso umgeschrieben werden. Neben den klassischen Zugängen nutze man auch Twitter, um eine Story zu recherchieren oder die Stimmung in der Bevölkerung einzufangen. Vor einiger Zeit hat sich ein hochrangiger Politiker über den Nachrichtendienst als homosexuell geoutet. Der Tweet wurde von der Redaktion aufgegriffen und in einen Artikel umgewandelt. Twitter – ein modernes Recherchetool á la Mobile Reporting, das dem konservativen Image widerspricht?

Oder doch eher eine weitere Möglichkeit, um Geld zu sparen? 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen. Fest steht, dass das Zeitungsgeschäft in Lettland nicht profitabel ist. Der Markt ist winzig, für die zwei Millionen Einwohner reichen drei Tageszeitungen aus. Die meisten Zeitungen finanzieren sich über andere Quellen als das eigentliche Tagesgeschäft, viele Verlage sind in der Hand von OligarchInnen, die Besitzstrukturen sind oft unklar. Vor diesem Hintergrund scheint es schon eine Leistung zu sein, wenn die RedakteurInnen sich nicht als Sprachrohr der ZeitungsinhaberInnen verstehen und stattdessen eigene Geschichten recherchieren. “In der Finanzkrise 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen und hat sich bis heute nicht erholt. Das wirkt sich auf die Qualität des Journalismus aus. Zusätzlicher Druck entsteht durch Internetportale wie Delphi und andere Seiten, die nicht primär journalistisch arbeiten. Meine These von 2003 hat sich bestätigt. Nach der zweiten Unabhängigkeit Lettlands haben ausländische Geldgeber den Markt übernommen. In der Krise sind sie abgewandert”, erklärt der lettische Medienprofessor Ainars Dimants die aktuelle Situation.

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Credits: Lukas Höppner

¨Latvijas Avize ist die einzige Zeitung, die profitabel ist¨, bemerkt Dimants. Durch den Verkauf von Büchern finanziert sich das Unternehmen zusätzlich. Damit kann die Latvijas Avize zumindest ansatzweise als freies Medium bezeichnet werden. Dass die traditionell an die ländliche Bevölkerung gerichtete Zeitung immer noch auf Traditionen setzt, zeigt sich an der Möblierung der Zeitungsräume. Den Büroräumen haftet der Charme der achtziger Jahre an. Im eigens für Interviews und Gespräche eingerichteten Zimmer steht eine hellbraune Polstergarnitur vor angegilbter Raufasertapete. Ein einsamer Beleuchtungsschirm deutet auf die eigentliche Nutzung als Fotoraum hin. Damit erinnert der Raum eher an Omas Wohnzimmer als an fortschrittlichen Journalismus. Nebenan befindet sich die Bibliothek mit alten, zu Büchern gebundenen Ausgaben. Traditionen werden hier großgeschrieben – wie sollte es in einer nationalkonservativen Zeitung auch anders sein? Stolz berichtet Vikmanis von Persönlichkeiten, die in der gut zwanzigjährigen Geschichte in eben diesem Raum empfangen wurden. Darunter auch der ein oder die andere PolitikerIn der ebenfalls nationalkonservativen Regierungskoalition.

Karikaturist und Geschichtsexperte

Obwohl die meisten Redaktionen in Lettland jung sind, liegt der Altersdurchschnitt der Avize deutlich höher. In einem kleinen, versteckten Büro sitzt Eriks Oss. Um zu ihm zu gelangen, muss man zunächst drei Treppenhäuser durchqueren, in denen es nach Mittagessen und Kantine riecht. Mit seinen 89 Jahren hat er schon so manches erlebt: Die Besatzung Rigas durch Russland, anschließend die Sowjetzeit und die zweite Selbstständigkeit 1991. Über seine persönlichen Erfahrungen möchte er nicht viel erzählen. Nur, dass er als Kind nach Deutschland flüchtete, daher spreche er noch immer gut Deutsch. Für die Redaktion arbeitet er als Karikaturist. Auch die Bilder im Konferenzraum stammen von ihm. ¨Um die Mittagszeit kommt die Chefredakteurin vorbei und gibt mir ein Thema. Dann habe ich zwei Stunden Zeit für die Zeichnung¨, erzählt Oss. Einen Computer sucht man auf seinem Schreibtisch vergeblich. Er arbeitet klassisch mit Zeichenkohle und Bleistift – auch das ist eine Form von Tradition.

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Credits: Lukas Höppner

Im Newsroom, ein Treppenhaus weiter, stapeln sich alte Zeitungsausgaben und Geschichtsbücher zwischen angestaubten Karteisystemen. Die Möbel scheinen aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Mittendrin sitzt er, zuständig für die Geschichtsthemen. Auch ihn kann man gut und gerne zum Inventar der Zeitung zählen. Zwar ist er nicht ganz so alt wie Oss, doch weiß er viel aus alten Zeiten zu berichten. Er erzählt von geschlagenen Schlachten, von Letten, die im zweiten Weltkrieg gegen Letten kämpfen mussten und von der zweiten Unabhängigkeit. Hört man seinen Vorträgen zu, erinnert er an Geschichtsexperten in amerikanischen Fernsehsendungen. XY lebt in seiner eigenen Welt, genauso wie die gesamte Zeitungsredaktion. Ob die Redakteure jemals neues Land betreten werden wie die drei Astronauten in der Karikatur ist fraglich. Sicherlich würden aber auch sie zuerst zu Narvesen gehen – Tradition muss schließlich sein.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Rechechereise der Jungen Presse Niedersachen und ist in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner verfasst worden. 

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