Marie Bornickel

Archive for the ‘Schwerelos’ Category

Ein lebendes Inseldenkmal

In Schwerelos on Oktober 14, 2016 at 10:26 pm

Ausrufer gibt es nur noch wenige in Deutschland. Bernd Krüger ruft die Bekanntmachungen auf Norderney aus und ist selbst zu einem Stück der Insel geworden. 

„Bekanntmachung – Bekanntmachung“, schallt es über den Marktplatz. Das e in Bekanntmachung ordentlich lang ziehend verkündet Bernd Krüger die Informationen des Tages. Wann das Kino öffnet, was im Theater gespielt wird und welche Öffnungszeiten das Schwimmbad heute hat. Er arbeitet als Ausrufer auf der Insel Norderney – ein Beruf mit Tradition. Früher, als Radioempfänger noch nicht in jedem Haus zu finden waren, hatte fast jede Stadt einen Bediensteten, der den Menschen die Neuigkeiten des Tages verkündete. Mit der Entwicklung der neuen Medien und sinkenden Zeitungspreisen wurde der Beruf des Ausrufers bald obsolet. Viele Städte kündigten ihren Ausrufern und bald geriet das Amt vieler Orts in Vergessenheit. Eine Ortschaften jedoch haben sich diese Tradition bewahrt – oder haben sie wie im Fall von Norderneys wieder aufleben lassen. „Als ich ins Amt kam, gab es hier keine Ausrufer mehr, dass kann ich Ihnen erzählen“, berichtet Bernd Krüger. Er arbeitete über vierzig Jahre lang als Verwaltungsangestellter in der Stadt, bis eines Tages der Renteneintritt vor der Tür stand. „Wie es dann weiter ging, dass kann ich Ihnen erzählen. Plötzlich stand der Leiter der Kurverwaltung bei mir in der Tür und fragte ‚Bernd, willste das nicht machen?‘ und da habe ich ja gesagt.“

Ein lebendes Wahrzeichen der Insel

Dass er eines Tages zu den lebenden Wahrzeichen der Insel gehören würde, hatte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht träumen lassen. Jetzt ist er bei Urlaubern und Einheimischen gleichermaßen bekannt. Er kann kaum durch die Straßen gehen, ohne von einem Norderneyer gegrüßt zu werden. Oft laufen Bernd Krüger auch Scharen von Kindern hinterher, für die er stets Gummibärchen und Luftballons in der Tasche hat. 50 bis 100 Luftballons pro Tag würde er aufpusten, so Krüger. Sogar ins Fernsehen habe es der 68-Jährige schon geschafft, zuletzt zur Sendung Verstehen sie Spaß?!. Vor dem Platz den Conversationshauses, dem Herzstück der Stadt, hat Krüger Motsi Mabuse und Co. anmoderiert. „Ich werde immer wieder von Gästen angesprochen: ‚Hey, Sie habe ich doch gestern im Fernsehen gesehen!'“, berichtet der Ausrufer. Will er doch mal seine Ruhe haben, legt Krüger seine Ausrufer-Kluft ab. Dann werde er selbst von manchem Inselbewohner nicht erkannt. Die Kluft hat sich der begeisterte Hobbygärtner selbst zusammengestellt, eine offizielle Kleidung für Ausrufer gibt es nämlich nicht. Neben einem blau-weiß gestreiften Fischerhemd, das typisch für die Region ist, trägt Krüger eine auffallend Schiffermütze. Das rot ist von Regen und Sonne ausgeblichen, doch die unzähligen Anstecker fallen ins Auge. Fast alle großen Städte Niedersachsens sind vertreten: Hameln, Harz und Hannover finden sich dort beispielsweise. Auch einige Städte weiter südlich sind durch einen Pin vertreten. „Woher die kommen, dass kann ich Ihnen erzählen“, beginnt Krüger mit einer seinen Lieblingswendungen, „die habe ich von Gästen bekommen. Die meisten gucken immer: Ist meine Stadt schon drauf? Und wenn nicht, dann schenken sie mir einen Anstecker. Letztens habe ich zum Beispiel Post aus Bremen bekommen, da war die Speckflagge drin.“ Die große, gußeiserne Glocke gehört hingegen zur Ausrüstung jedes Ausrufers dazu. Mit ihr buhlt der Rufende um die Aufmerksamkeit der Inselgäste. Krüger trägt das kleine Gegenstück am linken Ohr als Ohrring. Eine kleine goldene Glocke baumelt leise bimmelnd am Läppchen. „So einen Ohrring habe ich zuerst bei einem Ausruferkollegen gesehen“, beginnt Krüger eine seiner Anekdoten. Einen solchen Ohrring wollte er auch haben und so führte ihn sein Weg zum örtlichen Goldschmied. Der aber musste zugeben, dass so ein Ohrring aus Gold sehr teuer werden würde. So sah sich Krüger nach einer Alternative um und stieß schließlich auf einen Süßwarenladen. Kurz vor Weihnachten wurde dort ein Weihnachtsmann geliefert, der eine passende Glocke trug. Kurzerhand schenkte die Verkäuferin Krüger die Glocke und der zog ins nächste Schmuckgeschäft. Dort kaufte er einen Ohrklipp, forderte die Verkäuferin auf, die Glock daran zu befestigen und fertig war das Schmuckstück und heutige Markenzeichen des Ausrufers.

Mit 15 Jahren auf die Insel

Was man mitbringen muss, um als Ausrufer zu arbeiten? „Für den Job braucht man ein gutes Gedächtnis und Spaß“, kann Krüger wieder erzählen – mit hartem, deutsch ausgesprochenen J. Morgens nehme er alle Zeitungen sowie den Veranstaltungskalender zur Hand und schreibe dann daraus seinen Text. Ab halb 11 beginnt er seine Runde durch die Inselstadt. Gegen ein Uhr ist er fertig – ja nach Andrang. Wenn viele Kinder auf der Insel sind, könne es auch schon mal halb zwei, zwei werden, sagt er. Viele Gäste erkennen ihn aus ihrem letzten Urlaub wieder. „Letztens meinte eine Dame zu mir: Wenn ich Sie sehe, dann bin ich auf Norderney angekommen“, so Krüger und ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Die meisten Besucher halten den Ausrufer für ein Norderneyer Urgestein, doch dass ist Krüger gar nicht. Mit 15 Jahren kam er auf die Insel, aus gesundheitlichen Gründen. „Wie das kam, das kann ich Ihnen erzählen. Die Ärztin sagte, Bernd, du musst nach Norderney, das wird hier nicht besser“, blickt der Rentner heute zurück. Damals brach er seine Lehre in seiner Heimatstadt Hameln ab und zog auf die Insel. Zuvor hatte er die Nordseeinsel ein paar Mal zur Kur besucht und Kontakt zu einer Heimleiterin hergestellt. Die alte Dame bot Krüger nach seinem Umzug ein Zimmer auf der Insel an. „Das war mein Glück – eigentlich hatte ich ganz schön viel Glück. Ich war immer von Leuten umgeben, die mich unterstützt haben“, erinnert sich der Ausrufer. Ein Leben auf dem Festland kann er sich mittlerweile nicht mehr vorstellen. Zu sehr habe er sich an die Insel mit ihren Touristen im Sommer und den ruhigen Wintern gewöhnt. S0gar die unter Einheimischen weniger beliebten Kegelclubs nimmt Krüger in Schutz: „Die meisten wollen einfach nur Spaß haben und sind ganz harmlos. Wenn sie durch die Stadt gehen, dann sehen sie vielleicht 50 Personen und zwei benehmen sich schlecht – aber an die erinnern Sie sich. Das ist doch kein vollständiges Bild!“ Für Krüger gehören die Touristen, ob als Familie oder Club, zum Leben dazu.

Laute Sommer und leise Winter

Trotz des Troubles ist der Sommer seine Lieblingsjahreszeit. Dann kann er nämlich in seinem Schrebergarten sitzen – sein Paradies auf Erden und größtes Hobby. Über fünfzig Gartenzwerge hat er an seinem Lieblingsort auf der Insel schon aufgestellt. Auch der Garten hält den Mann auf der Insel. „Ich kann nicht lange weg, ich muss mich ja um meinen Garten kümmern“, stellt der Ausrufer klar. Und dann ist da auch noch sein Nebenjob als Ausrufer von Ostern bis Oktober. In acht Jahren Dienst habe er kein einziges Mal gefehlt, berichtet Krüger stolz. Und so soll es auch weitergehen, möglichst lange hoffentlich, so lange, wie die Gesundheit mitmacht.

Rezension „Ich und Ben“

In Schwerelos on August 19, 2012 at 9:05 pm

Kann das funktionieren? 21 Jahre auf 220 Seiten zu beschreiben? Ohne großen Zusammenhang, in Form kurzer Episoden? Eine gute Portion Skepsis schwingt mit, wenn der Leser das Buch aufschlägt. Schon mit der ersten Seite befindet er sich mittem im Geschehen.

Dezember 1986 – Ben wird geboren und sein Vater ist mit der ganzen Situation etwas überfordert. Er muss erstmal weg, raus, einen Freund besuchen und entsorgt bei der Gelegenheit die Nachgeburt im Mülleimer. Diese kurze Szene ist prägend für das Buch. Schon kurze Zeit später trennen sich Bens Eltern. Als alleinerziehender Vater, sowas wie die Modeerscheinung der Gegenwart, schlägt sich der Protagonist mit Ben durch. Dabei scheint es, als reiche schon die eigenen Probleme für zwei Leben. Der Ich-Erzähler hat kein abgeschlossenes Studium – dafür aber viele angefangene. Zeitweise leben die beiden in einem Gartenpavillon, weil das Geld für eine bessere Wohnung nicht reicht. Seine spätere Frau betrügt die Hauptperson mit der Nachbarin, als er das neue Heim saniert.  Und dann ist da noch Ben. Ben, der wächst, in die Schule kommt, das Gymnasium nicht schafft, Drogen in seiner WG züchtet und am Ende des Buches vor seinem Haftantritt steht.

Menschen – alltäglich und ungeschönt

Schon mit dem Titel lässt sich erahnen, dass es weniger um die Vater-Sohn-Beziehung geht (die faktisch nicht vorhanden ist), sondern eher um Bens Vater – Ich steht an erster Stelle. Dem Autor ist die große Kunst gelungen, keine einzige Episode zu bewerten. Der Leser wird, recht schonungslos, mit den Geschehnissen konfrontiert. Ob er sie gut oder schlecht, moralisch verwerflich oder angemessen beurteilt, bleibt ihm vollkommen selbst überlassen. Der Leser sieht die Welt durch die Augen von Bens Vater. Trotzdem scheint es, als komme ihm die Rolle des Beobachters zu, fast wie in einem Dokumentarfilm ohne erklärenden Kommentar. Wahrscheinlich ist es auch aus diesem Grund nicht möglich, die Kernaussage Andreas Durys zu erkennen. Ob und wann ja, was er mit „Ich und Ben“ erzählen möchte bleibt im Dunkeln. Vielleicht geht es einfach um die Schilderung der Menschlichkeit – ungeschönt und alltäglich.

Andreas Dury hat eine sehr interessante Möglichkeit gefunden, uns das Leben von Ben und seinem Vater näher zu bringen. Alle zwei oder drei Jahre taucht man in das Leben der beiden ein und zieht sich ebenso abrupt wieder hinaus. Einleitungen und Erklärungen gibt es nicht. Auf den Leser kommt viel Rekonstruktionsarbeit zu. Er muss Zusammenhänge selbst herstellen, er muss herausfinden, dass Bens Vater plötzlich verheiratet ist oder Ben in die Schule geht. Kleine Hinweise helfen ihm jedoch dabei. In welches Genre das Buch nun einzuordnen ist, bleibt offen. Eine andere, neue Leseerfahrung ist es auf jeden Fall.
Das Buch ist im Conte-Verlag erschienen.

Israel – ein neue Welt hinter jeder Ecke

In Schwerelos on Juni 18, 2012 at 9:27 am

Wer nach Israel reist, hat viele Bilder im Kopf. Die meisten stammen aus dem Nahost-Konflikt. Eine Studienreise ins heilige Land zeigt: Das heilige Land hat mehr als Konflikt und engstirnige Politik zu bieten. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach scheint.

Jordantal, Foto: privat

Jordantal, Foto: privat

Dreißig Kilometer entfernt, schlagen Kurzstreckenraketen ein. Die Regierung berät über einen Luftangriff auf Gaza Stadt. Die Tagesschau spricht von der blutigsten Auseinandersetzung seit 2008. Draußen vor dem Gebäude plätschert der Springbrunnen. Es ist warm. Der Wind aus der Wüste Negev bringt sommerliche Temperaturen mit sich. Im Konferenzraum summt die Klimaanlage und untermalt Shai Ben Amis Worte mit einer monotonen Melodie. Gerade berichtet er von seiner Zeit bei der Armee. Diese drei Jahre Armeedienst seien obligatorisch – für Frauen und Männer. In Israel gibt es eine andere Einstellung zum Militär als in Deutschland. Die Wenigsten verweigern den Kriegsdienst, die Armee ist Berufsvermittler und Chancengeber. Häufig werden Geschäftsideen in der Militärzeit entwickelt. Israel ist ein Einwanderungsland. Die Migranten werden durch den Wehrdienst in die Gesellschaft integriert und erhalten einen Chrashkurs der hebräischen Lebensweise. Dazu gehört auch, in ständiger Angst zu leben, dass ein Nachbarland einen Militärschlag verüben wird und den Staat am Mittelmeer von der Landkarte tilgt. So ist es nicht verwunderlich, dass Shai Ben Ami die Armee als Lebensversicherung bezeichnet. Ami zählt zu den engagierten jungen Erwachsenen in Israel. Er studiert Soziologie, arbeitet im biblischen Zoo und tritt für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Früher war er Jugendberater des Bürgermeisters von Jerusalem. Der 28-Jährige wurde eingeladen, damit er von seiner jüdischen Identität im israelischen Alltag erzählt. Dazu gehört auch und vor allem das Militär. Über die aktuellen Auseinandersetzung im Gazastreifen möchte er allerdings nicht sprechen. Er vertraue dem Raketenabwehrsystem und seinen Kollegen. Auch das ist Teil der israelischen Mentalität. Während Be´er Sheva unter Beschuss steht, geht die Tel Aviver Bevölkerung feiern. Das Nachleben gilt als eines der aufregendsten im Nahen Osten. Man lebt hier den Moment weil niemand weiß, was morgen ist. Es wird gefeiert, solange man noch kann. Wer kann sagen, ob nicht am nächsten Tag ein Selbstmordattentäter eine Bombe in einem Bus oder Café zünden wird?

Foto: privat

Foto: privat

Vielfältigkeit und Koexistenz

Israel ist wie ein großes Puzzle. An jeder Ecke wartet einen neue Erfahrung, eine andere Welt. Bewaffnete Soldaten prägen das Stadtbild in Tel Aviv und Jerusalem. Eine Gruppe Jugendlicher am Strand kann wenige Minuten später als Soldatentrupp in kompletter Uniform zum Aufbruch drängen. Die Strandbar verkauft westliche Getränke – es gibt europäisches Bier und Cola mit hebräischem Schriftzug. Dahinter steht eine ausgebrannte Diskothek. Sie war Ziel eines Selbstmordanschlags zu der Zeit, als Joschka Fischer deutscher Außenminister war. Fischer residierte in einem Hotel direkt gegenüber der Disko, als die Bombe zündete. Hinter jenem Hotel ragen Minarette der muslimischen Moscheen in den Himmel. Fetzen der Gebetsrufe trägt der Wind bis an den Strand. Die Hafenmauer ist mit arabischen Kalligraphien geschmückt. Ein Straßenhändler steht dort und vermittelt seinen Kunden eine Vorahnung des großen Bazars im arabischen Viertel in Jerusalem. Was das Stadtbild möglich macht, ist der israelischen Gesellschaft nicht gelungen. Eine vollkommene Integration aller gesellschaftlichen Gruppen gibt es nicht. Das erzählt Sofy Shanir, eine Muslima, deren Eltern aus Persien stammen. Schon der Besuch des hebräischen Gymnasiums war nicht immer leicht. Einmal ließ die Lehrerin Sofy aufstehen und behauptete, Sofys Vorfahren seien Schuld daran, dass Jesus gestorben sei. Daraufhin lief sie weinend nach hause. Heute studiert sie Fotografie in Jerusalem, während ihre hebräischen Klassenkameraden momentan in der Armee dienen. Als Mitglied der arabischen Minderheit musste Sofy keinen Wehrdienst leisten. Das bedeutet aber auch, dass ihr gewisse Privilegien, zum Beispiel bei der Wohnungsvergabe, verwehrt belieben. Einer von vielen Punkten, die auf eine Zweiklassengesellschaft hindeuten. Und dann gibt es noch die Mauer.

Foto: privat

Foto: privat

Eine Mauer, die Wohlstand und Rückstand trennt

Die Schnellstraße von Tel Aviv zu den Golanhöhen führt entlang eines Grenzzauns. Ohne die Schilder wirkt er fast harmlos, wie die Umzäunung eines Unternehmens. Er teilt das Westjordanland und Israel. Gebaut wurde die Sperranlage 2003, als Reaktion auf die knapp 70 Selbstmordanschläge palästinischer Radikaler. Auf der anderen Seite des Zauns beginnt ein Gebiet, das in verschiedene Zonen geteilt ist. Sie legen fest, wer hier die zivile und polizeiliche Gewalt stellt. So unterstehen die A-Zonen komplett der palästinischen Autonomie, C-Zonen werden von Israel verwaltet. Wollen die Palästinenser die Grenze passieren, um beispielsweise zu ihrer Arbeitsstätte zu kommen, werden die streng kontrolliert – ein oftmals stundenlanges Prozedere. Umgekehrt ist es den Israelis verwehrt, die A-Zonen zu betreten. Für einen Besuch im palästinensischen Ramallah bedeutet das einen Busfahrer- und Guidewechsel. Hier dürfen nur Angehörige der muslimischen Minderheit einreisen. Ramallah ist eine der größten Städte im Westjordanland und wird als dessen Hauptstadt gehandelt. Über einen Checkpoint nahe Jerusalem gelangt man an den Ort, an dem sich neben einem Teil der Regierungsinstitutionen auch das Grab von Jassir Arafat befindet. Die Sperranlage ist mittlerweile zu einer Waschbetonmauer gewandelt. Ähnlich wie die Berliner Mauer ist sie bunt bemalt, die Bilder repräsentieren ein Stück der palästinensischen Kultur: Musikbands, Sprüche und Karikaturen bekannter Politiker sind zu sehen. Die selbsternannte Hauptstadt lässt erkennen, wie groß die Unterschiede zwischen Israel und Palästina sind. Zwar gibt es auch hier Hochhäuser, Geschäfte und ein Kino, nach modernen westlichen Gebäuden mit schlichten Linien und Glasfront sucht man aber vergeblich. Seit die Regierung Israels die Ein- und Ausfuhr von Gütern kontrolliert und Baugenehmigungen erteilt, driftet die Entwicklung beider Gebiete auseinander. Manchmal wird sogar das Toilettenpapier in den palästinensischen Geschäften knapp. In der einzigen Universität im Westjordanland studieren die Zöglinge der Oberschicht. Ahmad Batyeh arbeitet hier an seinem Abschluss in Architektur. In ein paar Stunden muss er sein Abschlussprojekt präsentieren. Er hat einen Flughafen entworfen, die stromlinienförmige Gestaltung der Gebäudelinien soll den Aufbruch signalisieren. Er wird diesen Flughafen nie bauen können, zumindest nicht im Westjordanland. „Die israelische Regierung würde dem Bau eines Flughafens niemals zustimmen. Aber vielleicht wird es eines Tages doch möglich sein.“ Ahmads Blick schweift in die Ferne, er wirkt plötzlich nachdenklich. Es zieht ihn nach Europa, verrät er, dorthin wo alle frei sind und alles möglich ist. Trotzdem wird er erst einmal in Ramallah bleiben und im Unternehmen seines Vaters arbeiten: „Es ist wichtig, dass die jungen Menschen hier sind und für ihr Land arbeiten.“

Foto: privat

Foto: privat

Von einer Reise nach Israel bleiben viele Bilder. Die unzähligen Eindrücke lassen sich nicht einfach so verbinden. Zu unterschiedlich sind die Menschen und Ereignisse in diesem zerrüttelten Land. Dennoch bleibt ein Gefühl der Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die Tagesschau eines Tages von der Vielfalt des Landes berichtet, statt einschlagende Raketen zu zeigen.

Dieser Artikel erscheint auch im freien Unimagazin Scheinwerfer (http://scheinwerfer.uni-bremen.de/)

Buchbesprechung: Selbstmanagement und Zeitplanung

In Schwerelos on Januar 28, 2012 at 4:45 pm

 Dinge endlich geregelt kriegen – am besten auch noch rechtzeitig. Diesem Wunsch soll der lernende Leser mit Hilfe von Edith Pürschels Buch näher kommen.

Die Autorin arbeitet in der psychologischen Beratung an der freien Universtität Berlin. Der Klappentext verspricht, dass das Buch ideal auf die Bedürfnisse von Studenten angepasst ist. In dem recht schmalen Werk finden sich 6 Themenblöck. Zunächst soll der Leser bestimmen, wie er momentan seinen Umgang mit der Zeit pflegt. In Tortendiagrammen soll eingetragen werden, wie man seine Zeit aktuelle verbringt und optimaler Weise verbringen möchte.

"Rebecca Fikuart" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Rebecca Fikuart" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Zum Ausfüllen soll eine Woche lang notiert werden, was man wie lange macht. Im Praxistest fiel die Methode leider durch: In den ersten zwei Tagen notierte ich noch akribisch jede Mahlzeit und jede Straßenbahnfahrt, am 3. Tag gab es erste Lücken, bis ich das Unterfangen am 4 Tag beendete. Super, gleich die erste Aufgabe und ich scheitere an der Umsetzung. Auch der Vergleich der Tortendiagramme brachte mich nicht weiter. Natürlich, es ist eine nette Idee, zu schauen, wie lange man in der Uni sitzt, sich mit Freunden trifft oder einem Hobby nachgeht.  Mir wurde schnell klar, dass meine Wunschverteilung auf einen Tag mit mindestens 48 Stunden hinauslaufen würde. Ein kleines Plus gab es am Ende des Kapitels: Über Ziele und Wünsche nachzudenken war eine tolle Motivationshilfe.

Den zweiten Teil des Buches, Studieren lernen, hätte man in meinen Augen streichen können. Hier wird einiges über Lernverhalten und Arbeiten in Gruppen erläutert. Dabei werden die Themen sehr knapp abgehandelt. Der 3. und 4. Teil wiederum konnten punkten. Nachdem ich mit Hilfe der Übungen meine „Zeitdiebe“ entlarvt habe und auch den ein oder anderen Tipp berücksichtigt hatte, kam mir meine Arbeitshaltung schon deutliche verbessert vor. Auch dem Kapitel rund um Motivation und Konzentration konnte ich etwas abgewinnen.

"Bianca Taube" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc) http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de

Gegen Ende hin sank der Nützlichkeitsfaktor jedoch erneut. Der 5. Teil arbeitet mit dem Selbstcoaching und erklärt dem Leser, wie man mit dem inneren Schweinehund fertig werden soll. „Mit Gewohnheiten brechen“ und „Mit Widerständen rechnen“ lauten zwei der plakativen Unterkapitel. Zunächst wirkt dieser Teil wirklich entmutigend, da dem Leser dagelegt wird, dass er das vorher mühsam Erarbeitere vergessen kann, sofern er sein Leben nicht komplett umkrempelt. Um ihn beim Umkrempeln zu unterstützen gibt es wieder einige Tipps. Diesen stehen in meinem Augen in keinem Verhältnis zu den geforderten Veränderungen. Da heißt es dann in etwa: Gehen sie positiv an Veränderungen heran. Etwas Neues zu beginnen ist besser, als sich etwas abzugewöhnen.

Zur Aufmachung des Buches: Viele Kästen, Tipps und Zusammenfassungen ermöglichen einen schnellen Überblick. Einige Tabellen und Grafiken lockern die Bleiwüste auf. Allerdings finden sich in dem Buch viele grammatikalische Fehler (Kommata, Pronomen…).

Fazit: Für diese Berg und Tal Fahrt der Nützlichkeit gibt es 2 von 5 Sternen.

Vielen Dank an bloggdeinbuch und den UTB Verlag (hier bestellbar)

Zu Gast bei Freunden

In Schwerelos on Oktober 18, 2011 at 3:07 pm

Nein, es geht nicht um Fußball, auch wenn das Zitat so anmuten lässt. Hier ist endlich der versprochene Bericht von der Frankfurter Buchmesse. Warum also zu Gast bei Freunden? Betritt man den Pavillion des Gastlandes Island, befindet man sich in einem Wohnzimmer. Statt Aussteller und Messestände trifft man hier im schummrigen Licht auf alte Bücherregale, Sofas und Sessel. Das alles ist zwischen großen Leinwänden positioniert. Darauf lesen Isländer in ihren Privatbibliotheken aus ihren Lieblingsbüchern vor.

Copyright Benjamin Richter

Copyright Benjamin Richter

Zwischen all diesen Möbeln und der Bar gibt es Bücher. Sie stehen nicht nur in Regalen, sondern liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, am Rand der kleinen Bühne oder auf der Sofalehne. Hier läd alles zum Lesen ein. Das ist eben Island – wer keine Privatbibliothek besitzt, der wird komisch angeschaut. Jeder Isländer kauft im Schnitt 8 Bücher im Jahr. Die isländischen Autoren kenne sich, die Insel ist klein. Das Schreibe ist nicht immer einfach: Auch wenn die Isländer soviel lesen, ist der Absatzmarkt recht klein. Trotzdem hegen die Isländer eine besondere Beziehung zu Erzählungen und Gesichten und lieben ihre Schriftsteller. Einer von ihnen ist Thorarin Eldjarn, der in diesem Jahr sein erstes Buch in Deutschland veröffentlicht hat. „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ enthälte Kurzgeschichten über das isländische Völkchen. Seine Erlebnisse geben oft den Anstoß für seine Geschichten, erzählt er mir. Wir unterhalten uns über Island, die beste Reisezeit (August) und die Sprache des Inselvolkes. Zum Schluss halte ich neben einem signierten Exemplar seines Buches auch Max og Moritz in den Händen – die isländische Übersetzung des deutschen Klassikers. Übersetzt hat es übrigends Eldjarns Vater. Und in mir ist der Wunsch entfacht, die Isländer zu besuchen – vielleicht klappt es ja im nächsten Sommer. Eine Einladung zu Thorarin habe ich schon bekommen.

Buchbesprechung: Die glücklichste Nation unter der Sonne

In Schwerelos on Oktober 5, 2011 at 7:54 pm

Wie kann man Island kennen lernen, wenn man dieses Land noch nie besucht hat und auch in naher Zukunft nicht das Geld für eine Reise aufbringen kann? Man kauft sich ein Buch von Thórarinn Eldjárn, einem der besten Genschichtenerzählern Islands.

Foto: Conte Verlag

Foto: Conte Verlag

Die Frankfurter Buchmesse mit ihrem Ehrengast Island steht quasi vor der Tür. Hin ein in diesen „final Countdown“ kam die Überlegung – Wer sind die Isländer eigentlich? Neben dem wunderbaren Blog zum Gastland ( mehr dazu in den nächsten Tagen), las ich „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ mit Begeisterung und stelle fest: Ich liebe die isländische Art zu schrieben. Dieses verhältnismäßig dünne Buch (155 Seiten) kommt mit 13 Kurzgeschichten daher, die Einblick in Kultur und Mentalität der Inselbewohner geben. Wie lebt es sich also auf einer Insel am Rande Europas, viele Seemeilen entfernt vom Festland? Gut, wird der Leser feststellen, wenn er „Die Zauberformel“ gelesen hat. Die Isländer sind tatsächlich die glücklichste Nation der Welt. Das belegen offizielle Umfragen. Aber sie haben noch viel mehr zu bieten: die meisten Schachgroßmeister zum Beispiel, oder die beste Opernsängerin – gemessen an der Bevölkerungszahl. Dass diese scheinbar nicht mal die Behörden genau kennen, wie sich im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt, ist nicht weiter dramatisch. Schließlich könnte man ja auch die Geister mitrechnen, die in den leerstehende Neubaugebieten wohnen. Geister hin oder her, auch die Isländer haben viel zu berichten. Sei es vom Untergang eines Bigbankers oder dem Traum vom großen Geld.

"Ivar Boson" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Ivar Boson" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Eldjárn versteht es vortrefflich, den Leser zu unterhalten. Nüchtern, versteckt im Nebensatz, kommt sein Humor daher, bereit den Lesenden an jeder denkbaren und undenkbaren Stelle anzuspringen. Für den Autor gibt es nichts Schlimmeres, als das Lachen zu verlernen. Das kann man in „Lachen erwünscht“ schnell herausfinden.

Bei allem Humor haben die Geschichten eine Botschaft. Oft ist sie gut versteckt, erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das ist bei der letzten Geschichte „Die Hohnstange“ der Fall. An anderer Stelle ist es die Moral offensichtlicher. „Der Besitzer“ zählt zu ihnen oder auch mein Lieblingsgeschichte „Die Taschenkrise“, in der eine junge Künstlerin mit einem Schild die Wirtschaft lahm legt. Das Fazit hier übrigens: „Niemals selbstverständliche Dinge sagen, denn sie verstehen sich von selbst“ (S. 38).

Ich kann dieses Buch wärmstens weiterempfehlen, obwohl der Preis recht hoch (14,90 Euro) ist. Wer nordische Autoren mag und die eigensinnige Lebenswelt der Isländer kennen lernen möchte, muss Eldjárn lesen. Jetzt freu ich mich, den Autor auf der Buchmesse zu treffen.

5 von 5 Sterne

Mit dieser Rezension nehme ich am Wettbewerb „Islandbotschafter“ teil. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Beitrag kommentiert, liket oder ratet.

Die glücklichste Nation unter der Sonne ist im Conte-Verlag erschienen. Hier kann man das Buch bestellen.

Diese Rezension entstand im Rahmen von Blogg dein Buch.

Blick hinter die Kulissen

In Schwerelos on August 24, 2011 at 11:52 am

Zu Besuch bei der Onlineredaktion von Café Babel

Eine Zeitung für Europa. So oder so ähnlich muss das Ziel der Gründer von Cafè Babel gelautet haben. Alexandre Heully, der uns in seinem Pariser Hauptquartier empfängt, ist einer von ihnen. Heute ist der gerade mal 29-Jährige Franzose Geschäftsführer des Medienprojekts. 2001 kam ihm zusammen mit drei weiteren Erasmus-Studenten die Idee, eine Zeitung zu machen, die jeder Europäer versteht. „Jeder sollte die Möglichkeit bekommen, in seiner Muttersprache zu reden, zu lesen und zu schreiben“, beschreibt Heully das Konzept.

"Jannik Schall" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Jannik Schall" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Mit der Zeitung wird die Europageneration angesprochen, also die Bürger, die bereits in der EU aufgewachsen sind und Grenzkontrollen bei der Einreise ins Nachbarland gar nicht mehr kennen. Café Babel versteht sich als neue Vision europäischer Medien, die diese jungen Europäer zusammen bringen soll. Der europäischen Bevölkerung soll die Möglichkeit zum Schreiben gegeben werden. Deshalb werden die Leser aktiv ins Onlinemagazine einbezogen. 14 000 Freiwillige schlagen neue Artikel vor, recherchieren Themen oder übersetzen die Texte in ihre Muttersprache.

Worum geht es eigentlich?

Mittlerweile erscheinen die Artikel in sechs Sprachen – Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Polnisch und Spanisch. 70 % der europäischen Bevölkerung können Café Babel in ihrer Muttersprache lesen. In den Texten geht es um die Europäer selbst. Sie handeln von ihrer Lebenssituation, von Arbeitslosigkeit, Studium oder Regierung. Ein Artikel über Abtreibung zog in einigen Ländern, darunter dem katholischen Polen, eine heftige Diskussion mit sich. Heully wertet das als Fortschritt. „Seine“ Zeitung soll jungen Menschen Raum bieten, sich auch mit kritischen Themen auseinander zu setzen.

Die Idee steht im Vordergrund

In Paris befindet sich das Redaktionsbüro. Hier arbeiten Profijournalisten, jeder ist für eine Sprache zuständig. Katharina Kloss betreut die deutschen Artikel. Die meiste Arbeitszeit verbringt sie mit redigieren und korrigieren. Ihre Aufgabe ist es, die deutschen Texte „magazin-tauglich“ zu machen und die Übersetzungen ins Deutsche zu koordinieren. Was ihr an ihrer Arbeit besonders gut gefällt, wollen wir wissen. „In diesem kleinen Team gibt es gute Arbeitsbedingungen. Hier kann ich über Grenzen hinweg schreiben und täglich über den eigenen Tellerrand blicken.“ Ihrem franzöischern Kollege Mathieu gefällt die flache Hierarchie besonders: „Hier ist es friedlicher als in einer klassischen Redaktion. Die Idee steht im Vordergrund.“

"Laura Tran" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

"Laura Tran" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Europaerfahrungen sammeln die Journalisten nicht nur im Büro. Mindestens einmal im Jahr werden sie „on the ground“ geschickt, um direkt aus fremden Ländern zu berichten. Zuletzt besuchten 34 Journalisten und Fotografen den Balkan und die Türkei. Hinzu kommen die „Babel Akademien“, bei denen Freiwillige geschult werden. Damit die Berichterstattung tatsächlich aus ganz Europa stammt, gibt es kleinere Lokalredaktionen. Dort arbeiten ausschließlich Freiwillige. 20 solcher Gruppen gibt es mittlerweile. Einige schreiben zusätzliche City-Blogs, die sich auf lokale Themen konzentrieren.

Paradoxon des Internets

Café Babel ist revolutionär. Als sie vor 10 Jahren ihren ersten Artikel ins Netz stellten, zählten das Projekt zu einer der ersten Onlinezeitungen überhaupt. Auch heute gibt es kein vergleichbares Magazin, das die Europäer so stark vernetzt. Trotzdem ist Café Babel unbekannter als man meinem möchte. Während das Magazin in Paris einigermaßen populär ist, kennt in Berlin kaum jemand Café Babel. „ Das ist das paradoxe am Internet. Unsere Artikel werden gelesen aber oft nicht mit uns in Verbindung gebracht“, erklärt Heully.

Turmbau zu Babel

Zum Schluss möchten wir noch wissen, wie man auf dem Namen des Magazins kam. Alexandré Heully erklärt uns, dass die biblische Geschichte über den Turmbau zu Babel als Namensgeber diente. Darin bestraft Gott die Menschen, in dem er ihnen eine gemeinsame Sprache nimmt und viele verschieden Muttersprachen verteilt. Diese Sprachen sollen im Café Babel an einen Tisch gesetzt werden. Die verschiedensprachigen Europäer sollen wie in einem Café über alle das reden können, was sie gerade interessiert.

 "Pia Leykauf" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Pia Leykauf" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Nach guten zwei Stunden und vielen Neuigkeiten über die Top-Themen in Frankreich verlassen wir die Redaktion. Allerdings nicht, ohne vorher versprochen zu haben auch einmal bei Café Babel.de vorbei zu schauen.

DIY T-Shirt „Die Sendung mit der Maus“

In Schwerelos on August 22, 2011 at 11:17 am

Ich schaue mir regelmäßig Blogs anderer User an und freue mich jedes Mal, wenn ich auf eine schöne Do it yourself – Idee stoße. Aus diesem Grund möchte ich hier auch einige selbstgemachte Dinge vorstellen. Den Anfang macht ein T-Shirt mit der Maus.

Material:
– T-Shirt (helle Farben lassen das Motiv kräftiger wirken)
– Bügeleisen und Brett
– Backpapier
– Stoffmalstifte
– Transferfolie
– Vorlage

1. Zunächst sucht man sich im Internet eine Vorlage aus. Am besten achtet man darauf, dass das Bild schön groß ist.
2. Je nach Talent kommen dann Stoffmalstifte oder Transferfolie zum Einsatz. Mit einem schwarzen Stift zunächst die Konturen auf des T-Shirt malen. Dann mit oranger Farbe das Bild ausmalen. Mit schwarz Augen, Mund und Schnurrhaare dazu malen. Alternativ kann das Motiv auch auf Transferpapier gedruckt und dann aufgebügelt werden.
3. Wer möchte kann nun einen Schriftzug oder Ähnliches hinzufügen.
4. Backpapier auf das Shirt legen und darüber bügeln. Dadurch wird das Motiv fixiert und überschüssige Farbe abegtragen.
– Fertig –

Buchbesprechung: Der Glücksfinder

In Schwerelos on August 9, 2011 at 2:39 pm

Die Diskussion um Migration, Islam und Abschiebepolitik kann kaum aktuelle sein. In Zeiten von Fundamentalisten, die Anschläge auf Grund von Islamistenhass begehen und Thesen über „Kopftuchmädchen“ setzt „Der Glücksfinder“ von Edward van de Vendel und Anoush Elman ein Zeichen für mehr Menschlichkeit. 

Hamayun ist zehn Jahre alt, als seine Familie aus Afghanistan flieht. Die Taliban regieren das Land strikt nach den Gesetzen der Scharia. Hamayuns Vater hat früher Mädchen unterrichtet. Damit gilt er in den Augen der Taliban als Feind des Regimes. Bei einer Razzia findet die Taliban-Polizei Videokassetten und einen Fernseher bei Hamayuns Familie. Um einer Gefängnisstrafe oder gar einer Hinrichtung zu entgehen, flieht man noch in der selben Nacht. Ein halbes Jahr lang vertraut die Familie ihr Leben den Menschenschleppern an – Knochenträgern, wie Hamayun sie nennt. Dann haben sie es geschafft, sie sind in den Niederlanden angekommen. Obwohl sie freundlich aufgenommen werden, steht kein Happy-End in Aussicht. Die Asylanträger der Familie werden immer wieder abgewiesen. Plötzlich sind sie sogar illegal im Land.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"giulio piscitelli" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Zwischen Freundschaft und Hoffnung, Verrat und Enttäuschung

„Der Glücksfinder“ ist eine Geschichte über Freundschaft, Verlust und Hoffnung. Schon mit zehn Jahren muss Hamayun erfahren, wie instabil die Welt sein kann. Immer wieder wird auf dramatische Art und Weise deutlich, wie nah Freude und Verlust beieinander liegen kann. Der jüngste Bruder wird in Afghanistan zurückgelassen. Auf der Flucht gibt es immer wieder Personen, die Hamayun ans Herz wachsen. In den Zwischenlagern entstehen ungleiche Freundschaften – zwischen alten Frauen und kleinen Jungen, Muskelpaketen und Denkern. Doch schon ein Tag später kann man getrennt werden und sieht sich nie mehr wieder. Denn die Flüchtlinge sind „atmende Pakete“, wie einer der Flüchtenden im Buch feststellt, die den kriminellen Schleppern zu Gewinn verhelfen.

In den Niederlanden gelangt Hamayuns Familie in ein Heim für Asylbewerber. Hier geht es ihnen gut, sie finden sogar den älteren Bruder wieder. Hamayun kann zur Schule gehen, schließt Freundschaften, verliebt sich zum ersten Mal. Schließlich fordert ihn seine Niederländisch-Lehrerin auf, ein Theaterstück auf Grundlage seiner Flucht zu schreiben. Kurz vor der Aufführung wird Hamayuns Familie verraten, der Vater verhaftet. Die Abschiebung nach Afghanistan steht kurz bevor.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Sprachlich überzeugt das Buch ebenfalls. Hamayun berichtet als Ich-Erzähler über Afghanistan und die Niederlande. Er tut das in einer Art Rückblick. Das Buch beginnt dort, wo er aufgefordert wird, ein Theaterstück über seine Flucht zu schreiben. Rückblickend erfährt der Leser von der Flucht. Das bedeutet auch, dass man nicht alle Ereignisse sofort versteht. Schließlich ist Hamayun zehn Jahre alt, als er flieht und wird nur in wenige Dinge eingeweiht. Doch gerade das macht das Buch so authentisch. Der Leser kann die Unsicherheiten im Leben der Hauptperson so viel besser nachvollziehen. Am Ende wird der Anfang wieder aufgegriffen. Hamayuns Familie wird kurz vor Aufführung des Stückes verraten. Von nun an ist es unklar, ob sie überhaupt in den Niederlanden bleiben kann. Trotz dieser Höhen und Tiefen bezeichnet sich Hamyun selbst als Glücksfinder.

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Roman und Biografie

Beeindruckend, verstörend, bewegend; so kann man das Buch am besten beschreiben. Ich habe lange kein so gutes Buch mehr gelesen. „Der Glücksfinder“ ist keine fiktive Geschichte. Anoush Elman, einer der beiden Autoren, erzählt von seiner eigenen Flucht. Einige Personen wurden dazu erfunden, manche Ereignisse zusammengefasst oder in einen andere Reihenfolge gebracht., so steht es im Nachwort. Trotzdem liegt diesem Buch die reale Biografie eines Afghanistan-Flüchtlings zu Grunde. Spätestens mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann man nicht mehr leugnen, dass es große Lücken in der westlichen Abschiebepolitik gibt. Das Thema kann kaum aktuelle sein. Gerade bricht, auch mit Blick auf die Anschläge in Oslo oder auf Sarazins Thesen, eine neue Debatte über Migration aus. Gleichzeitig werden die Ängste vor Überfremdung und Islamisierung geschürrt. „Der Glücksfinder“ setzt ein deutliches Zeichen dagegen. Der Leser begreift schnell, dass man nicht alle Bürger eines Lands in einen Topf werfen kann und nicht alle Afghanen gleichzeitig Taliban sein müssen.

Um die Problematik des Buches insgesamt zu erfassen, ist einiges Vorwissen nötig. Der zehnjährige Hamayun sieht auf der einen Seite viele Dinge für selbstverständlich an. Auf der anderen Seite begreift er Manches nicht, weil er nicht in die Gespräche der Erwachsenen einbezogen wird. Der Leser muss in groben Zügen über das Taliban-Regime bis 2001 in Afghanistan Bescheid wissen. Außerdem wird an einigen Stellen auf den 11. September 2001 und den Afghanistankrieg angespielt. Auch hier versteht man mehr, wenn man die Zusammenhänge von Anfang an kennt. Das ist aber auch der einzige negative Punkt, den ich in diesem Buch finden kann.

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Das Ende beleibt offen. Es gibt sogar zwei alternative Enden. Das eine ist ein Happyend. Das zweite Ende wollte ich zunächst gar nicht lesen. Zu sehr war mir Hamayun ans Herz gewachsen. Beide Enden bleiben recht offen. Das hat mir besonders gut gefallen. Eine Patentlösung passt einfach nicht zum Rest des Buches. Trotzdem war ich sehr erleichtert, als ich im Text über den Autor gelesen habe, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Fazit:

„Der Glücksfinder“ regt an über Asylbewerber nachzudenken und genauer hinzusehen. Nachdem man diese Buch gelesen hat, kann man nicht mehr pauschal über „die Ausländer“ urteilen. Der Roman ist unbedingt weiterzuempfehlen. Nicht umsonst wird das Buch in den Niederlanden hochgelobt.

Erschienen im Carlsen-Verlag

Alle Bilder in diesem Artikel stammen von Giulio Piscitelli, einem italienischen Fotografen. Er hat im März eine Gruppe Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Italien begleitet. Mit seinen Fotos möchte er auf die schlechte Situation der Flüchtlinge auf Lampedusa hinweisen. Weiter Fotos sind auf jugendfotos.de veröffentlicht.

Buchbesprechung: Jeder einzelne

In Schwerelos on Juli 27, 2011 at 4:38 pm

„Jeder Einzelen“ von Peter Märkert kommt als Krimi mit lokalem Bezug zum Ruhrgebiet daher. Im Zentrum steht die Suche nach Gerechtigekeit und die Frage nach Unschuld. Gleichzeitig setzt das Buch dort an, wo viele Kriminalromane aufhören – in der U-Haft. Überraschungen bis zur letzten Seite sind garantiert.

 

Christina Weiden wird tot aus der Ruhr geborgen. K.o.-Tropfen in Verbindung mit Alkohol haben ihren Tod verursacht. Marco Kröner hat Christina am Abend zuvor von einer Party mitgenommen. Auf dem Weg nach Hause ist sie verschwunden. Als bei Marco ein Fläschen mit K.o.-Tropfen gefunden wird, scheint die Sache klar. Während er in Untersuchungshaft sitzt, versuchen seine Schwester und Lena, Marcos neue Bekanntschaft, dessen Unschuld zu beweisen.

Der Leser weiß von Anfang an, das Marco unschuldig ist. Die Handlung setzt in Christinas letzten Stunden ein. Sie ist bei einem Bekannten zu Gast, hört Musik, trink, plötzlich wird ihr komisch – hier endet der Erzählstrang abrupt. An vielen anderen Stellen gibt es Hinweise auf den Täter. Kleine Kapitel sind aus seiner Sicht formuliert, so auch die „Entsorgung der Leiche“. Trotzdem bleibt es bis zum Ende spannend. Die Identität des Täters bleibt im Dunkeln. So begibt sich der Leser gemeinsam mit der Hauptfigur hinein ins große Rätselraten um den Täter.

Ungewöhnliche Erzählform

Peter Märkert schreibt in der Gegenwartsform. Das ist zunächst ungewöhnlich, passt aber wunderbar zur Geschichte. Informationen, die kleinen Puzzelteilen gleichen, werden sowohl an Marco als auch an den Leser herangetragen. Erst am Ende setzt sich das Bild zusammen. Eben so, wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört. Ich bin der Meinung, dass keine andere Erzählzeit diesen Prozess des „Teilchefsammelns“ für den Leser besser erlebbarer machen könnte.

Der Autor schreibt in kurzen, prägnanten Sätzen. Die gesamte Handlung wirkt dadurch sehr nüchtern wieder gegeben. An den meisten Stellen hat mich das wenig gestört. Ein großes Manko wird diese Erzählweise jedoch dann, wenn Marco ins Gefängnis kommt. Hier hätte ich mir mehr Persönlichkeit gewünscht. Ich hätte wissen wollen, wie der Protagonist sich fühlt, wenn er unschuldig verhaftet wird. Was in ihm vorgeht, womit er hadert. Nur ganz selten blitzt etwas von Marcos Gefühlen durch. Nämlich immer dann, wenn er an Lena denkt und wie sehr er sie vermisst.

Kombination aus Unschuld, Angeklagtem als Protagonist und dem Leben hinter Gittern

Das Thema „Unschuldig schuldig“ steht klar im Mittelpunkt des Buches. Es wurde schon oft als Romanstoff verwendet, kommt dem Leser hier aber nur bedingt bekannt vor. Die Kombination aus der Thematik, dem Angeklagten (statt eines Polizisten) als Hauptfigur und das Leben „hinter Gittern“ macht „Jeder Einzelne“ interessant. Viele Krimis hören da auf, wo der Täter gestellt wurde und verhaftet wird. Dieses Buch ist anderes. Wer über die Ermittlungsarbeit der Polizei lesen möchte, sollte ein anderes Buch wählen. Hier wird beleuchtet, was danach kommt – die Haft, der Verhandlung.

Hinzu kommen viele Sprünge in der Perspektive. Mal wird aus Lenas Sicht geschrieben, mal als Marcos oder Christinas. Ein tieferer Einblick in die Nebencharaktere wird dem Leser jedoch auch hier verwehrt. Das wird aber durch die gute Verknüpfung zwischen den Charakteren zumindest teilweise entschuldigt. Viele eher unbedeutende Charaktere (zum Beispiel der Gefängniswärter) stehen in Verbindung mit den bedeutsamen Figuren. Als Leser bekommt man hier ein Gefühl dafür, wie wichtig jede Figur (um beim Titel zu bleiben: jeder einzelne) für Autor und Handlung sind. #

Wer an dieser Stelle jetzt noch etwas zur Eignung als Ruhrgebiets-krimi lesen möchte, wird leider enttäuscht. Wohl sind viele Ort aus der Gegend genannt, allerdings reichen meine Ortskenntnisse in diesem Teil Deutschlands nicht aus, um hier ein qualifiziertes Urteil zu fällen

4 von 5 Sternen

Das Buch ist im Brockmeyer-Verlag erschienen. Diese Rezension entstand im Rahmen von Blogg dein Buch.