Marie Bornickel

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Buchbesprechung: Die glücklichste Nation unter der Sonne

In Schwerelos on Oktober 5, 2011 at 7:54 pm

Wie kann man Island kennen lernen, wenn man dieses Land noch nie besucht hat und auch in naher Zukunft nicht das Geld für eine Reise aufbringen kann? Man kauft sich ein Buch von Thórarinn Eldjárn, einem der besten Genschichtenerzählern Islands.

Foto: Conte Verlag

Foto: Conte Verlag

Die Frankfurter Buchmesse mit ihrem Ehrengast Island steht quasi vor der Tür. Hin ein in diesen „final Countdown“ kam die Überlegung – Wer sind die Isländer eigentlich? Neben dem wunderbaren Blog zum Gastland ( mehr dazu in den nächsten Tagen), las ich „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ mit Begeisterung und stelle fest: Ich liebe die isländische Art zu schrieben. Dieses verhältnismäßig dünne Buch (155 Seiten) kommt mit 13 Kurzgeschichten daher, die Einblick in Kultur und Mentalität der Inselbewohner geben. Wie lebt es sich also auf einer Insel am Rande Europas, viele Seemeilen entfernt vom Festland? Gut, wird der Leser feststellen, wenn er „Die Zauberformel“ gelesen hat. Die Isländer sind tatsächlich die glücklichste Nation der Welt. Das belegen offizielle Umfragen. Aber sie haben noch viel mehr zu bieten: die meisten Schachgroßmeister zum Beispiel, oder die beste Opernsängerin – gemessen an der Bevölkerungszahl. Dass diese scheinbar nicht mal die Behörden genau kennen, wie sich im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt, ist nicht weiter dramatisch. Schließlich könnte man ja auch die Geister mitrechnen, die in den leerstehende Neubaugebieten wohnen. Geister hin oder her, auch die Isländer haben viel zu berichten. Sei es vom Untergang eines Bigbankers oder dem Traum vom großen Geld.

"Ivar Boson" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Ivar Boson" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Eldjárn versteht es vortrefflich, den Leser zu unterhalten. Nüchtern, versteckt im Nebensatz, kommt sein Humor daher, bereit den Lesenden an jeder denkbaren und undenkbaren Stelle anzuspringen. Für den Autor gibt es nichts Schlimmeres, als das Lachen zu verlernen. Das kann man in „Lachen erwünscht“ schnell herausfinden.

Bei allem Humor haben die Geschichten eine Botschaft. Oft ist sie gut versteckt, erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das ist bei der letzten Geschichte „Die Hohnstange“ der Fall. An anderer Stelle ist es die Moral offensichtlicher. „Der Besitzer“ zählt zu ihnen oder auch mein Lieblingsgeschichte „Die Taschenkrise“, in der eine junge Künstlerin mit einem Schild die Wirtschaft lahm legt. Das Fazit hier übrigens: „Niemals selbstverständliche Dinge sagen, denn sie verstehen sich von selbst“ (S. 38).

Ich kann dieses Buch wärmstens weiterempfehlen, obwohl der Preis recht hoch (14,90 Euro) ist. Wer nordische Autoren mag und die eigensinnige Lebenswelt der Isländer kennen lernen möchte, muss Eldjárn lesen. Jetzt freu ich mich, den Autor auf der Buchmesse zu treffen.

5 von 5 Sterne

Mit dieser Rezension nehme ich am Wettbewerb „Islandbotschafter“ teil. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Beitrag kommentiert, liket oder ratet.

Die glücklichste Nation unter der Sonne ist im Conte-Verlag erschienen. Hier kann man das Buch bestellen.

Diese Rezension entstand im Rahmen von Blogg dein Buch.

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Buchbesprechung: Ketzerschwestern

In Uncategorized on September 5, 2011 at 4:34 pm

Ketzerschwestern – ein mittelalterlicher Roman über Freidenker und Ketzer

„Wir beide sind verschieden, du und ich. Doch was auch passiert, wir sind Schwestern, und das bleibt!“

Zwei Mädchen in einem Schwesternhaus nahe dem mittelalterlichen Regensburg. Sie sind Zwillinge, doch während die eine sich ganz der Gartenarbeit wittmet, beschäftigt sich die andere mit einer neuen Denkschule aus Paris. „Auch eine Frau kann Papst sein“ „Das Fegefeuer gibt es nicht“ „Zur Beichte muss man nicht in die Kirche“; das sind Kernaussagen der neuen Glaubensbestrebung.  Zeitgleich steht der Besuch des Kaisers in der Stadt an. Damit verbunden ist auch das Auftauchen der „Schwarze Mönche“ – sie jagen Ketzer und Andersgläubige. Kathie sorgt sich immer mehr um ihre Schwester Ina, die sich mit gotteslästerlichen Dingen beschäftigt. Doch sie kann Ina nicht mehr umstimmen. „Manchmal muss man eben seinem Herzen folgen“ kann dieser nur erklären. Dann verschwindet Ina plötzliche. Kathie ist klar, sie muss ihrer Schwester helfen.

Lernen und Lesen

Arnulf Zitelmann ist Theologe mit einem Ziel: Er möchte die Geschichte spannend und erlebbar machen. Beides merkt man dem Buch an.  An vielen Stellen finden sich Bibelstellen wieder, die die Schwestern vorlesen, das klösterliche Leben richtet sich an den Tagen der Heiligen aus (was in einem ausführlichen Glossar erklärt wird). Auch rund um das Thema Kirche und Kloster im Mittelalter besitzt der Autor großes Wissen. Leider drückt die Intention, mit dem Buch mittelalterliche Geschichte zu lehren, immer wieder durch. Ich habe mich an vielen Stellen bevormundet gefühlt. Natürlich ist es spannend, zu erfahren, wie mit Glaubenszweifeln im mittelalter Umgegangen wurde. Paradoxerweise geht der Roman an keiner Stelle darauf ein. Dafür kann man nach einem Blick ins Glossar seinen eigenen Kalender anhand der Heiligen inklusive zugehöriger Bauernregeln ausrichten.

Schöne Sprache, flache Dramaturgie

Die Sprache ist der einzige große Pluspunkt des Romans. Einfühlsam beschreibt der Autor, die ganz besondere Beziehung der Zwillinge. Auch Kathies Verzweiflung kann der Leser toll nachvollziehen: „Mein Herz ist übervoll von Ängsten, Sorgen und Fragen, doch mit niemanden darf ich darüber reden. Nur mit Ina. “  Leider verhindert die Dramaturgie, dass sich die schöne Erzählweise des Autors zu einem mitreißenden, bewegenden Roman verpflichtet. Die erste Hälfte geht kaum auf den Glaubenswandel Inas ein. Zwar erfährt Kathie recht früh von dem Buch, doch steht das Weben eines Fastentuchs im Vordergrund. Erst im letzten Viertel hat der Leser das Gefühl: Jetzt passiert was. Allerdings bliebt die Spannungskurve auch hier eher flach. Nicht mal Inas Tod hat mich wirklich ergriffen. Der Inhalt von Inas ketzerischen Buches beleibt auffällig blass. Einige Zitate wiederholen sich im Buch, doch nach Begründungen sucht man vergeblich. Lediglich Kathies kurze Romanes hat mich wirklich berührt.

Ansprechende Covergestaltung, die nicht halten kann, was sie verspricht

Der Cover von „Ketzerschwestern“ ist wirklich sehr schön gestaltet. Darauf abgebildet ist eine junge Frau mit Hochsteckfrisur (die gefällt mir besonders gut). Rundherum zieht sich eine goldene Prägung. Wirft man einen genaueren Blick darauf, erkennt man Tiere und Menschen. Die Abdrücke alter Buchseiten schimmern auf dem Gewand der Frau. Würde ich das Buch in der Buchhandlung sehen, es wäre sofort einen zweiten Blick wert. Leider versprechen Cover und Klappentext viel zu viel. Ich hatte mir erhofft, etwas über Inas Glaubenswandel zu erfahren. Außerdem habe ich eine Flucht der Schwestern erwartet und eine deutlich stärkere Bedrohung durch die schwarzen Mönche. Ich hatte das Gefühl, bis kurz vor Schluss in der Einleitung des Buches hängen geblieben zu sein. Dieser Eindruck wurde dadruch verstärkt, dass einfach nichts Bedeutendes passierte. An einigen Stellen hätte ich das Buch fast aus der Hand gelegt. Dazu trug vor allem auch Kathie bei. Die Protagonistin ist so naiv, dass es teilweise weh tat. Ich konnte sie nicht verstehen, geschweige denn, mich mit ihr identifizieren.

Mein Fazit

„Ketzerschwestern“ hat eine Message: Zusammenhalt unter Geschwistern und den freien Glauben. Leider, und das finde ich wirklich sehr schade, verbirgt die schlecht geschrieben Handlung diese Botschaft unter einer ganz dicken Schicht. So bleibt nur am Ende ein vages Gefühl, dass es irgendetwas Besonders in diesem Roman gab. Empfehlenswert ist das Buch trotzdem nicht.

1 von 5 Sternen

Das Buch ist im Gabriel-Verlag erschienen. Die Rezension entstand im Rahmen des Projekts Blogg dein Buch.

Buchbesprechung: Der Glücksfinder

In Schwerelos on August 9, 2011 at 2:39 pm

Die Diskussion um Migration, Islam und Abschiebepolitik kann kaum aktuelle sein. In Zeiten von Fundamentalisten, die Anschläge auf Grund von Islamistenhass begehen und Thesen über „Kopftuchmädchen“ setzt „Der Glücksfinder“ von Edward van de Vendel und Anoush Elman ein Zeichen für mehr Menschlichkeit. 

Hamayun ist zehn Jahre alt, als seine Familie aus Afghanistan flieht. Die Taliban regieren das Land strikt nach den Gesetzen der Scharia. Hamayuns Vater hat früher Mädchen unterrichtet. Damit gilt er in den Augen der Taliban als Feind des Regimes. Bei einer Razzia findet die Taliban-Polizei Videokassetten und einen Fernseher bei Hamayuns Familie. Um einer Gefängnisstrafe oder gar einer Hinrichtung zu entgehen, flieht man noch in der selben Nacht. Ein halbes Jahr lang vertraut die Familie ihr Leben den Menschenschleppern an – Knochenträgern, wie Hamayun sie nennt. Dann haben sie es geschafft, sie sind in den Niederlanden angekommen. Obwohl sie freundlich aufgenommen werden, steht kein Happy-End in Aussicht. Die Asylanträger der Familie werden immer wieder abgewiesen. Plötzlich sind sie sogar illegal im Land.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Zwischen Freundschaft und Hoffnung, Verrat und Enttäuschung

„Der Glücksfinder“ ist eine Geschichte über Freundschaft, Verlust und Hoffnung. Schon mit zehn Jahren muss Hamayun erfahren, wie instabil die Welt sein kann. Immer wieder wird auf dramatische Art und Weise deutlich, wie nah Freude und Verlust beieinander liegen kann. Der jüngste Bruder wird in Afghanistan zurückgelassen. Auf der Flucht gibt es immer wieder Personen, die Hamayun ans Herz wachsen. In den Zwischenlagern entstehen ungleiche Freundschaften – zwischen alten Frauen und kleinen Jungen, Muskelpaketen und Denkern. Doch schon ein Tag später kann man getrennt werden und sieht sich nie mehr wieder. Denn die Flüchtlinge sind „atmende Pakete“, wie einer der Flüchtenden im Buch feststellt, die den kriminellen Schleppern zu Gewinn verhelfen.

In den Niederlanden gelangt Hamayuns Familie in ein Heim für Asylbewerber. Hier geht es ihnen gut, sie finden sogar den älteren Bruder wieder. Hamayun kann zur Schule gehen, schließt Freundschaften, verliebt sich zum ersten Mal. Schließlich fordert ihn seine Niederländisch-Lehrerin auf, ein Theaterstück auf Grundlage seiner Flucht zu schreiben. Kurz vor der Aufführung wird Hamayuns Familie verraten, der Vater verhaftet. Die Abschiebung nach Afghanistan steht kurz bevor.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Sprachlich überzeugt das Buch ebenfalls. Hamayun berichtet als Ich-Erzähler über Afghanistan und die Niederlande. Er tut das in einer Art Rückblick. Das Buch beginnt dort, wo er aufgefordert wird, ein Theaterstück über seine Flucht zu schreiben. Rückblickend erfährt der Leser von der Flucht. Das bedeutet auch, dass man nicht alle Ereignisse sofort versteht. Schließlich ist Hamayun zehn Jahre alt, als er flieht und wird nur in wenige Dinge eingeweiht. Doch gerade das macht das Buch so authentisch. Der Leser kann die Unsicherheiten im Leben der Hauptperson so viel besser nachvollziehen. Am Ende wird der Anfang wieder aufgegriffen. Hamayuns Familie wird kurz vor Aufführung des Stückes verraten. Von nun an ist es unklar, ob sie überhaupt in den Niederlanden bleiben kann. Trotz dieser Höhen und Tiefen bezeichnet sich Hamyun selbst als Glücksfinder.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Roman und Biografie

Beeindruckend, verstörend, bewegend; so kann man das Buch am besten beschreiben. Ich habe lange kein so gutes Buch mehr gelesen. „Der Glücksfinder“ ist keine fiktive Geschichte. Anoush Elman, einer der beiden Autoren, erzählt von seiner eigenen Flucht. Einige Personen wurden dazu erfunden, manche Ereignisse zusammengefasst oder in einen andere Reihenfolge gebracht., so steht es im Nachwort. Trotzdem liegt diesem Buch die reale Biografie eines Afghanistan-Flüchtlings zu Grunde. Spätestens mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann man nicht mehr leugnen, dass es große Lücken in der westlichen Abschiebepolitik gibt. Das Thema kann kaum aktuelle sein. Gerade bricht, auch mit Blick auf die Anschläge in Oslo oder auf Sarazins Thesen, eine neue Debatte über Migration aus. Gleichzeitig werden die Ängste vor Überfremdung und Islamisierung geschürrt. „Der Glücksfinder“ setzt ein deutliches Zeichen dagegen. Der Leser begreift schnell, dass man nicht alle Bürger eines Lands in einen Topf werfen kann und nicht alle Afghanen gleichzeitig Taliban sein müssen.

Um die Problematik des Buches insgesamt zu erfassen, ist einiges Vorwissen nötig. Der zehnjährige Hamayun sieht auf der einen Seite viele Dinge für selbstverständlich an. Auf der anderen Seite begreift er Manches nicht, weil er nicht in die Gespräche der Erwachsenen einbezogen wird. Der Leser muss in groben Zügen über das Taliban-Regime bis 2001 in Afghanistan Bescheid wissen. Außerdem wird an einigen Stellen auf den 11. September 2001 und den Afghanistankrieg angespielt. Auch hier versteht man mehr, wenn man die Zusammenhänge von Anfang an kennt. Das ist aber auch der einzige negative Punkt, den ich in diesem Buch finden kann.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Das Ende beleibt offen. Es gibt sogar zwei alternative Enden. Das eine ist ein Happyend. Das zweite Ende wollte ich zunächst gar nicht lesen. Zu sehr war mir Hamayun ans Herz gewachsen. Beide Enden bleiben recht offen. Das hat mir besonders gut gefallen. Eine Patentlösung passt einfach nicht zum Rest des Buches. Trotzdem war ich sehr erleichtert, als ich im Text über den Autor gelesen habe, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Fazit:

„Der Glücksfinder“ regt an über Asylbewerber nachzudenken und genauer hinzusehen. Nachdem man diese Buch gelesen hat, kann man nicht mehr pauschal über „die Ausländer“ urteilen. Der Roman ist unbedingt weiterzuempfehlen. Nicht umsonst wird das Buch in den Niederlanden hochgelobt.

Erschienen im Carlsen-Verlag

Alle Bilder in diesem Artikel stammen von Giulio Piscitelli, einem italienischen Fotografen. Er hat im März eine Gruppe Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Italien begleitet. Mit seinen Fotos möchte er auf die schlechte Situation der Flüchtlinge auf Lampedusa hinweisen. Weiter Fotos sind auf jugendfotos.de veröffentlicht.

Buchbesprechung: Jeder einzelne

In Schwerelos on Juli 27, 2011 at 4:38 pm

„Jeder Einzelen“ von Peter Märkert kommt als Krimi mit lokalem Bezug zum Ruhrgebiet daher. Im Zentrum steht die Suche nach Gerechtigekeit und die Frage nach Unschuld. Gleichzeitig setzt das Buch dort an, wo viele Kriminalromane aufhören – in der U-Haft. Überraschungen bis zur letzten Seite sind garantiert.

 

Christina Weiden wird tot aus der Ruhr geborgen. K.o.-Tropfen in Verbindung mit Alkohol haben ihren Tod verursacht. Marco Kröner hat Christina am Abend zuvor von einer Party mitgenommen. Auf dem Weg nach Hause ist sie verschwunden. Als bei Marco ein Fläschen mit K.o.-Tropfen gefunden wird, scheint die Sache klar. Während er in Untersuchungshaft sitzt, versuchen seine Schwester und Lena, Marcos neue Bekanntschaft, dessen Unschuld zu beweisen.

Der Leser weiß von Anfang an, das Marco unschuldig ist. Die Handlung setzt in Christinas letzten Stunden ein. Sie ist bei einem Bekannten zu Gast, hört Musik, trink, plötzlich wird ihr komisch – hier endet der Erzählstrang abrupt. An vielen anderen Stellen gibt es Hinweise auf den Täter. Kleine Kapitel sind aus seiner Sicht formuliert, so auch die „Entsorgung der Leiche“. Trotzdem bleibt es bis zum Ende spannend. Die Identität des Täters bleibt im Dunkeln. So begibt sich der Leser gemeinsam mit der Hauptfigur hinein ins große Rätselraten um den Täter.

Ungewöhnliche Erzählform

Peter Märkert schreibt in der Gegenwartsform. Das ist zunächst ungewöhnlich, passt aber wunderbar zur Geschichte. Informationen, die kleinen Puzzelteilen gleichen, werden sowohl an Marco als auch an den Leser herangetragen. Erst am Ende setzt sich das Bild zusammen. Eben so, wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört. Ich bin der Meinung, dass keine andere Erzählzeit diesen Prozess des „Teilchefsammelns“ für den Leser besser erlebbarer machen könnte.

Der Autor schreibt in kurzen, prägnanten Sätzen. Die gesamte Handlung wirkt dadurch sehr nüchtern wieder gegeben. An den meisten Stellen hat mich das wenig gestört. Ein großes Manko wird diese Erzählweise jedoch dann, wenn Marco ins Gefängnis kommt. Hier hätte ich mir mehr Persönlichkeit gewünscht. Ich hätte wissen wollen, wie der Protagonist sich fühlt, wenn er unschuldig verhaftet wird. Was in ihm vorgeht, womit er hadert. Nur ganz selten blitzt etwas von Marcos Gefühlen durch. Nämlich immer dann, wenn er an Lena denkt und wie sehr er sie vermisst.

Kombination aus Unschuld, Angeklagtem als Protagonist und dem Leben hinter Gittern

Das Thema „Unschuldig schuldig“ steht klar im Mittelpunkt des Buches. Es wurde schon oft als Romanstoff verwendet, kommt dem Leser hier aber nur bedingt bekannt vor. Die Kombination aus der Thematik, dem Angeklagten (statt eines Polizisten) als Hauptfigur und das Leben „hinter Gittern“ macht „Jeder Einzelne“ interessant. Viele Krimis hören da auf, wo der Täter gestellt wurde und verhaftet wird. Dieses Buch ist anderes. Wer über die Ermittlungsarbeit der Polizei lesen möchte, sollte ein anderes Buch wählen. Hier wird beleuchtet, was danach kommt – die Haft, der Verhandlung.

Hinzu kommen viele Sprünge in der Perspektive. Mal wird aus Lenas Sicht geschrieben, mal als Marcos oder Christinas. Ein tieferer Einblick in die Nebencharaktere wird dem Leser jedoch auch hier verwehrt. Das wird aber durch die gute Verknüpfung zwischen den Charakteren zumindest teilweise entschuldigt. Viele eher unbedeutende Charaktere (zum Beispiel der Gefängniswärter) stehen in Verbindung mit den bedeutsamen Figuren. Als Leser bekommt man hier ein Gefühl dafür, wie wichtig jede Figur (um beim Titel zu bleiben: jeder einzelne) für Autor und Handlung sind. #

Wer an dieser Stelle jetzt noch etwas zur Eignung als Ruhrgebiets-krimi lesen möchte, wird leider enttäuscht. Wohl sind viele Ort aus der Gegend genannt, allerdings reichen meine Ortskenntnisse in diesem Teil Deutschlands nicht aus, um hier ein qualifiziertes Urteil zu fällen

4 von 5 Sternen

Das Buch ist im Brockmeyer-Verlag erschienen. Diese Rezension entstand im Rahmen von Blogg dein Buch.

Buchbesprechung: Der Joker

In Schwerelos on Juni 14, 2011 at 9:19 am

Was würdest du machen, wenn du auf einmal mitten in einem Banküberfall stecken würdest und die Möglichkeit hättest, den Täter zu stellen?
Was tust du, wenn plötzlich ein Karo-Ass mit drei Adressen in deinem Briefkasten liegt? Hinfahren?
Was machst du, wenn du bei den Adressen lauter unglückliche Menschen triffst? Helfen?

"Emily Volbert" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Emily Volbert" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Spielkarten
Vor diesen Fragen steht Ed. Ed, 19 Jahre (laut Führerschein 20), ein ganz normaler Taxifahrer, durchschnittlich, allein lebend, nicht weiter bemerkenswert. Alles beginnt damit, dass er die Waffe des Bankräubers auf diesen hält und so der Polizei den wohl ungeschicktesten und unglücklichsten Kriminellen der Stadt liefert. Kurz darauf findet er die erste von insgesamt 5 Spielkarten – das Karo-Ass. Ed weiß selbst nicht so genau, was ihn dazu bewegt, diese Adressen zu suchen. An jeder Adresse warten andere Menschen, und vor allem völlig unterschiedliche Aufgaben. Das Ed selbst heraus finden muss, was denn nun seine Berufung an diesem Ort ist, macht die Sache nicht leichter. Doch er stellt sich allem, was der unbekannte Drahtzieher von ihm verlangt. Menschen werden glücklich, die Karte erfüllt. Doch kurz darauf folgt die nächste Karte, diesmal das Kreuz-Ass. Mit den weiteren Karten werden nicht nur die Aufgaben schwerer, sondern auch die Entschlüsselung der Adressen. Welcher Adressat verbirgt sich denn schon hinter Fersengeld, Morris West oder dem Berg der Brüder?
Und dann ist da ja auch noch Eds normales Leben. Ein trostlose Dasein ohne Freundin, denn seine Angebetete Audery hat sich ausgerechnet vorgenommen, niemanden mehr zu lieben. Seine Mutter scheint ihn zu hassen und behandelt ihn dementsprechend wesendlich schlechter als seine Geschwister. Die Ausbildung fehlt Ed genauso, sodass er für ein Taxiunternehmen fahren muss, und wenn er abends (oder morgens) von der Schicht nach Hause kommt, wartet nur sein stinkender Hund Türsteher auf ihn.

Hättest du die Courage?
Das Buch hat mich so sehr berührt, wie es nur selten passiert. Diese ganzen Personen sind so liebenswert beschrieben. Vor allem Ed gefällt mir. Wenn man einmal nachdenkt, wer von uns hätte ganz ehrlich die Courage, einen Mann davon abzubringen, seine Frau zu vergewaltigen? Noch dazu, wenn dieser drei Köpfe größer als man selbst ist??? Ed tut es, meistens sogar, ohne lange darüber nachzudenken.
Markus Zusak hat es geschafft, sowohl einen Rahmen um die Geschichte zu spannen, als dem ganzen Buch ein bisschen Kartenspielcharme zu geben. So werden die Kapitel nicht schnöde von 1-… durchnummeriert, sondern jeder Karte ein Erzählteil gegeben und die Kapitel mit Ass anfangen zu lassen, damit sie dann bei König enden. Nebenbei beziehen sich die Aufgaben immer mehr auf Ed selbst und sein Leben. Am Ende des Buches steht der Satz: „Ich bin die Botschaft“. Das Bezieht sich auf Ed, aber eigentlich sagt das auch sehr viel über das Buch aus. Das Buch ist eine Botschaft an alle, die in der heutigen Zeit leben. Eine Botschaft, mehr Zivilcourage zu zeigen und das Ego-Denken ein wenig einzuschränken – und das ganz ohne mahnenden Zeigefinger.

Erschienen bei: Cbj

Buchbesprechung: Ich und die Kanzlerin

In Schwerelos on Februar 20, 2011 at 4:12 pm

Ich halte keine Roman in der Hand, sondern ein Tagebuch. Wäre da nicht der Titel sowie Autor und Verlag aufgedruckt, könnte man das weiße Buch mit dem schwarzen Gummizug wirklich für ein Notizbuch halten. Es ist der Praktikumsbericht von Jasmin Behringer. Wir dürfen sie von dem Moment an begeleiten, in dem sie über eine mögliche Praktikumsstelle nachdenkt. Tatsächlich erhält sie die Chance, ihr Praktikum im Bundeskanzleramt zu machen. Also ganz nah dran an der Kanzlerin und den wichtigen Entscheidungen. Jasmin erfährt was „Unter 3“ bedeutet (eine Nachricht, die nur den an dem Gespräch beteiligten Personen etwas angehen) und dass die Reden gar nicht von der Kanzlerin selbst, sondern von einem Ghostwriter geschrieben werden. Aber was sie vor allem feststellen kann ist, dass im Bundestag die Besten der Besten arbeiten. Für jeden wichtigen Bereich gibt es Menschen, die Experten sind und so die wichtigen Informationen an die Kanzlerin weiterleiten. Jasmin darf auch dort hin, wo Zeitungen gelesen werden und dann in eine Pressemappe gelegt werden. Diese Mappen erhalten dann die Politiker um zu wissen, wie die Medien über sie denken.

Einblick in den deutschen Bundestag

Das Buch gibt einen kleinen Einblick in den deutschen Bundestag und das Kanzleramt. Jasmin nimmt zum Beispiel als Besucherin an einer Plenardebatte teil. Außerdem wurde sich bemüht, wirklich realistisch zu schreiben. So gibt es Personen, die durchaus als Anspielung auf einige Politiker zu verstehen sind. Wer nun auch ein Praktikum im Bundestag machen möchte, wird leider enttäuscht. Das ist nicht möglich. Auch Jasmin hat nicht in Wirklichkeit ein Praktikum im Bundeskanzleramt gemacht. Jasmin gibt es auch gar nicht. All das ist eine Erfindung des Autors Martin Baltscheit. Allerdings hat er sich sehr viel Mühe gegeben, diese fiktive Person in die Realität um zu setzen. So gibt es einen Blog (http://meinpraktikumimkanzleramt.blogspot.com) in dem Jasmin alias Herr Baltscheit Fotos postet und berichtet. Das Buch ist allgemein mit vielen Links gespickt, was mir gut gefallen hat. Man kann spzusagen gleich weiterlesen.So gibt es einen Verweis zu den Protokollen der Plenarsitzungen.

„Ich und die Kanzlerin“ ist gut geeignet für Jugendliche, die ihre ersten Erfahrungen mit der Politik machen. Ich würde es für Schülerinnen empfehlen, die zum ersten Mal Politik als Schulfach haben. Die Sprache ist sehr der Jugendsprache angepasst, ohne Fachchinesisch, und das Buch hält sich nicht nur an Fakten. Auch eine kleine Liebesgeschichte kommt darin vor. Martin Baltscheids Ziel war es, Interesse an Politik und Demokratie zu wecken. Das hat er geschafft. Ich persönlich habe allerdings mehr erwartet. Wer – wie ich – hofft, über komplexere Strukturen zu lesen oder erklärt zu bekommen, wie der Tagesablauf der Kanzlerin aussieht, und was nun wirklich ihre Aufgaben sind, wird enttäuscht. Wie der Autor im Nachwort schreibt, war er in einer beliebigen Woche im Bundestag und hat sich vorgestellt, wie es wohl wäre, eine Jasmin Behringer zu sein. Dass er es sich bloß vorgestellt hat, merkt man leider auch im Buch. Was mich sehr gestört hat, waren kleine Phantasien von Jasmin. Diese waren, nüchtern betrachtet, sehr unrealistisch. Dass man sich hin und wieder in ihrer fiktiven Welt und nicht in der wirklichen bewegt, erfährt der Leser erst später. So ging ein Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Mir war es zu dick auf getragen, dass die Kanzlerin Jasmin einen Staatsbesuch empfangen lassen würde, damit sie schlafen kann. Neben diesen negativen Dingen muss man die Gestaltung des Buches aber auf jeden Fall positiv anrechnen. Es gibt am Ende Platz, um sich eigene Gedanken zu machen. Es gibt eine Seite, die unter dem Thema „Fragen an die Kanzlerin“ steht, eine andere ist mit „Visionen für den Weltfrieden“ überschrieben. Das macht das Buch interessant.

Fazit
Für Schüler, die sich mit Politik beschäftigen wollen, aber noch keinen wirklichen Einstieg in die schwere Materie gefunden haben, ist das Buch das Richtige. Um auch für Jugendlich interessant zu sein, die in der Materie drin sind, hätte man das Augenmerk eher auf Strukturen legen sollen und nicht auf die möglichst realistische Darstellung einer fiktiven Protagonistin.

(Auch erschienen auf Lizzynet.de unter meinen Benutzernamen Missmarie: Buchbesprechung Ich und die Kanzlerin )