Marie Bornickel

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Buchbesprechung: Ich und die Kanzlerin

In Schwerelos on Februar 20, 2011 at 4:12 pm

Ich halte keine Roman in der Hand, sondern ein Tagebuch. Wäre da nicht der Titel sowie Autor und Verlag aufgedruckt, könnte man das weiße Buch mit dem schwarzen Gummizug wirklich für ein Notizbuch halten. Es ist der Praktikumsbericht von Jasmin Behringer. Wir dürfen sie von dem Moment an begeleiten, in dem sie über eine mögliche Praktikumsstelle nachdenkt. Tatsächlich erhält sie die Chance, ihr Praktikum im Bundeskanzleramt zu machen. Also ganz nah dran an der Kanzlerin und den wichtigen Entscheidungen. Jasmin erfährt was „Unter 3“ bedeutet (eine Nachricht, die nur den an dem Gespräch beteiligten Personen etwas angehen) und dass die Reden gar nicht von der Kanzlerin selbst, sondern von einem Ghostwriter geschrieben werden. Aber was sie vor allem feststellen kann ist, dass im Bundestag die Besten der Besten arbeiten. Für jeden wichtigen Bereich gibt es Menschen, die Experten sind und so die wichtigen Informationen an die Kanzlerin weiterleiten. Jasmin darf auch dort hin, wo Zeitungen gelesen werden und dann in eine Pressemappe gelegt werden. Diese Mappen erhalten dann die Politiker um zu wissen, wie die Medien über sie denken.

Einblick in den deutschen Bundestag

Das Buch gibt einen kleinen Einblick in den deutschen Bundestag und das Kanzleramt. Jasmin nimmt zum Beispiel als Besucherin an einer Plenardebatte teil. Außerdem wurde sich bemüht, wirklich realistisch zu schreiben. So gibt es Personen, die durchaus als Anspielung auf einige Politiker zu verstehen sind. Wer nun auch ein Praktikum im Bundestag machen möchte, wird leider enttäuscht. Das ist nicht möglich. Auch Jasmin hat nicht in Wirklichkeit ein Praktikum im Bundeskanzleramt gemacht. Jasmin gibt es auch gar nicht. All das ist eine Erfindung des Autors Martin Baltscheit. Allerdings hat er sich sehr viel Mühe gegeben, diese fiktive Person in die Realität um zu setzen. So gibt es einen Blog (http://meinpraktikumimkanzleramt.blogspot.com) in dem Jasmin alias Herr Baltscheit Fotos postet und berichtet. Das Buch ist allgemein mit vielen Links gespickt, was mir gut gefallen hat. Man kann spzusagen gleich weiterlesen.So gibt es einen Verweis zu den Protokollen der Plenarsitzungen.

„Ich und die Kanzlerin“ ist gut geeignet für Jugendliche, die ihre ersten Erfahrungen mit der Politik machen. Ich würde es für Schülerinnen empfehlen, die zum ersten Mal Politik als Schulfach haben. Die Sprache ist sehr der Jugendsprache angepasst, ohne Fachchinesisch, und das Buch hält sich nicht nur an Fakten. Auch eine kleine Liebesgeschichte kommt darin vor. Martin Baltscheids Ziel war es, Interesse an Politik und Demokratie zu wecken. Das hat er geschafft. Ich persönlich habe allerdings mehr erwartet. Wer – wie ich – hofft, über komplexere Strukturen zu lesen oder erklärt zu bekommen, wie der Tagesablauf der Kanzlerin aussieht, und was nun wirklich ihre Aufgaben sind, wird enttäuscht. Wie der Autor im Nachwort schreibt, war er in einer beliebigen Woche im Bundestag und hat sich vorgestellt, wie es wohl wäre, eine Jasmin Behringer zu sein. Dass er es sich bloß vorgestellt hat, merkt man leider auch im Buch. Was mich sehr gestört hat, waren kleine Phantasien von Jasmin. Diese waren, nüchtern betrachtet, sehr unrealistisch. Dass man sich hin und wieder in ihrer fiktiven Welt und nicht in der wirklichen bewegt, erfährt der Leser erst später. So ging ein Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Mir war es zu dick auf getragen, dass die Kanzlerin Jasmin einen Staatsbesuch empfangen lassen würde, damit sie schlafen kann. Neben diesen negativen Dingen muss man die Gestaltung des Buches aber auf jeden Fall positiv anrechnen. Es gibt am Ende Platz, um sich eigene Gedanken zu machen. Es gibt eine Seite, die unter dem Thema „Fragen an die Kanzlerin“ steht, eine andere ist mit „Visionen für den Weltfrieden“ überschrieben. Das macht das Buch interessant.

Fazit
Für Schüler, die sich mit Politik beschäftigen wollen, aber noch keinen wirklichen Einstieg in die schwere Materie gefunden haben, ist das Buch das Richtige. Um auch für Jugendlich interessant zu sein, die in der Materie drin sind, hätte man das Augenmerk eher auf Strukturen legen sollen und nicht auf die möglichst realistische Darstellung einer fiktiven Protagonistin.

(Auch erschienen auf Lizzynet.de unter meinen Benutzernamen Missmarie: Buchbesprechung Ich und die Kanzlerin )

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