Marie Bornickel

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Blick hinter die Kulissen

In Schwerelos on August 24, 2011 at 11:52 am

Zu Besuch bei der Onlineredaktion von Café Babel

Eine Zeitung für Europa. So oder so ähnlich muss das Ziel der Gründer von Cafè Babel gelautet haben. Alexandre Heully, der uns in seinem Pariser Hauptquartier empfängt, ist einer von ihnen. Heute ist der gerade mal 29-Jährige Franzose Geschäftsführer des Medienprojekts. 2001 kam ihm zusammen mit drei weiteren Erasmus-Studenten die Idee, eine Zeitung zu machen, die jeder Europäer versteht. „Jeder sollte die Möglichkeit bekommen, in seiner Muttersprache zu reden, zu lesen und zu schreiben“, beschreibt Heully das Konzept.

"Jannik Schall" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Jannik Schall" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Mit der Zeitung wird die Europageneration angesprochen, also die Bürger, die bereits in der EU aufgewachsen sind und Grenzkontrollen bei der Einreise ins Nachbarland gar nicht mehr kennen. Café Babel versteht sich als neue Vision europäischer Medien, die diese jungen Europäer zusammen bringen soll. Der europäischen Bevölkerung soll die Möglichkeit zum Schreiben gegeben werden. Deshalb werden die Leser aktiv ins Onlinemagazine einbezogen. 14 000 Freiwillige schlagen neue Artikel vor, recherchieren Themen oder übersetzen die Texte in ihre Muttersprache.

Worum geht es eigentlich?

Mittlerweile erscheinen die Artikel in sechs Sprachen – Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Polnisch und Spanisch. 70 % der europäischen Bevölkerung können Café Babel in ihrer Muttersprache lesen. In den Texten geht es um die Europäer selbst. Sie handeln von ihrer Lebenssituation, von Arbeitslosigkeit, Studium oder Regierung. Ein Artikel über Abtreibung zog in einigen Ländern, darunter dem katholischen Polen, eine heftige Diskussion mit sich. Heully wertet das als Fortschritt. „Seine“ Zeitung soll jungen Menschen Raum bieten, sich auch mit kritischen Themen auseinander zu setzen.

Die Idee steht im Vordergrund

In Paris befindet sich das Redaktionsbüro. Hier arbeiten Profijournalisten, jeder ist für eine Sprache zuständig. Katharina Kloss betreut die deutschen Artikel. Die meiste Arbeitszeit verbringt sie mit redigieren und korrigieren. Ihre Aufgabe ist es, die deutschen Texte „magazin-tauglich“ zu machen und die Übersetzungen ins Deutsche zu koordinieren. Was ihr an ihrer Arbeit besonders gut gefällt, wollen wir wissen. „In diesem kleinen Team gibt es gute Arbeitsbedingungen. Hier kann ich über Grenzen hinweg schreiben und täglich über den eigenen Tellerrand blicken.“ Ihrem franzöischern Kollege Mathieu gefällt die flache Hierarchie besonders: „Hier ist es friedlicher als in einer klassischen Redaktion. Die Idee steht im Vordergrund.“

"Laura Tran" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

"Laura Tran" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Europaerfahrungen sammeln die Journalisten nicht nur im Büro. Mindestens einmal im Jahr werden sie „on the ground“ geschickt, um direkt aus fremden Ländern zu berichten. Zuletzt besuchten 34 Journalisten und Fotografen den Balkan und die Türkei. Hinzu kommen die „Babel Akademien“, bei denen Freiwillige geschult werden. Damit die Berichterstattung tatsächlich aus ganz Europa stammt, gibt es kleinere Lokalredaktionen. Dort arbeiten ausschließlich Freiwillige. 20 solcher Gruppen gibt es mittlerweile. Einige schreiben zusätzliche City-Blogs, die sich auf lokale Themen konzentrieren.

Paradoxon des Internets

Café Babel ist revolutionär. Als sie vor 10 Jahren ihren ersten Artikel ins Netz stellten, zählten das Projekt zu einer der ersten Onlinezeitungen überhaupt. Auch heute gibt es kein vergleichbares Magazin, das die Europäer so stark vernetzt. Trotzdem ist Café Babel unbekannter als man meinem möchte. Während das Magazin in Paris einigermaßen populär ist, kennt in Berlin kaum jemand Café Babel. „ Das ist das paradoxe am Internet. Unsere Artikel werden gelesen aber oft nicht mit uns in Verbindung gebracht“, erklärt Heully.

Turmbau zu Babel

Zum Schluss möchten wir noch wissen, wie man auf dem Namen des Magazins kam. Alexandré Heully erklärt uns, dass die biblische Geschichte über den Turmbau zu Babel als Namensgeber diente. Darin bestraft Gott die Menschen, in dem er ihnen eine gemeinsame Sprache nimmt und viele verschieden Muttersprachen verteilt. Diese Sprachen sollen im Café Babel an einen Tisch gesetzt werden. Die verschiedensprachigen Europäer sollen wie in einem Café über alle das reden können, was sie gerade interessiert.

 "Pia Leykauf" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Pia Leykauf" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Nach guten zwei Stunden und vielen Neuigkeiten über die Top-Themen in Frankreich verlassen wir die Redaktion. Allerdings nicht, ohne vorher versprochen zu haben auch einmal bei Café Babel.de vorbei zu schauen.

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Freiheit à la Internet

In Botengang on Juni 13, 2011 at 11:28 am

Was täten wir nur ohne das Internet? DIE Erfindung des 20. Jahrunderts hat uns so manche Tätigkeit vereinfacht: Abends den Wetterbericht verpasst? Kein Problem, mein google-Kalender hat die entsprechende Vorhersage eingebaut. Die ist auch viel genauer als die tagesschau – hier zeigt man mir das Wetter in meiner Stadt. Ein letzter Blick auf Wikipedia und das Referat über Hauterkrankungen ist fertig. Die Online-Enzyklopädie weiß schließlich alles, da brauch ich nicht denken. Ein Blick ins Nachrichtenportal: „90 Prozent der wissenschaftlichen Texte im Internet über Medizin sind fehlerhaft“ – Da hat wohl jemand vergessen, seine Infos vorher bei Wikipedia nachzuschlagen. Wie gut, dass ich schlauer bin! Den Nachmittag verbringe ich bei facebook und kommentiere Fotos, Post und Terminvorschläge. Hier gibt es auch die wirklich wichtigen News: Sarah hat sich von Tim getrennt (oder andersherum?) und Sven testet gerade die Qualität von Klopapier.

Sekretär, Entscheidunghelfer, Lebensplaner

Überhaupt hat das World wide web eine wichtige Funktion in meinem Leben: Es nimmt mir so viele Entscheidungen ab. Wenn ich nicht weiß, wer auf meine Party kommen soll, poste ich das bei facebook. Dann entscheidet eben jeder selbst, ob er dabei sein will. Fremde Leute kennenlernen ist auch spannend, warum also keine öffentliche Veranstaltung aus meinem Geburtstag machen?

Jonas Kako" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Jonas Kako" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Will ich Nachrichten aus der richtige Welt, suche ich mir einen Livestream. Ob Bundesliga, Ehec-Skandal oder Arabischer Frühling, auf meinem Bildschirm bauen sich minutenweise Nachrichtenhäppchen auf. Hoffentlich wird es dramatischer, wenn ich immer wieder auf „aktualisieren“ drücke.

Steuerungszentrale: Mein Bett

Wer sich mit mir treffen will, soll einen Blick in meinen Online-Kalender werfen. Da kann er sich auch gleich einen Zeitblock reservieren. Ich werde eine Stunde vor dem Termin per Mail informiert. Die Funktion ist besser als jede Sekretärin. Gebe ich in entsprechende Suchmaschinen ein paar Informationen ein, wird mir mein Abendprogramm vorgeschlagen. Ist mal nichts dabei, streame ich eben bei kino.to – das ist gar nicht so illegal wie alle immer behaupten. Mir ist zumindest noch nichts passiert.

 

"Julian Beger" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Julian Beger" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Brauche ich mal Hilfe, treffe ich meine Community. Wissen die auch nicht weiter gibt es ja noch Foren. Hier kann ich meinem eigenen Ego fröhnen. Kaum habe ich einen Beitrag à la „Warum brennen meine Kerzen unterschiedlich schnell ab?“ gelesen, steigt mein IQ in der Selbstwahrnehmung. Das Internet ist schon was Tolles: Rezeptvorschläge für’s Mittagessen, Klamotten und Freunde – ich muss nicht mal aus dem Haus gehen. Bin ich mal nicht so gut drauf, bleibe ich eben mit dem Laptop im Bett. Wie frei hat mich doch das Internet gemacht!