Marie Bornickel

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Buchbesprechung: Der verbotene Schlüssel

In Schwerelos on Juni 22, 2011 at 1:07 pm

Was machen wir mit unserer Zeit? Wohin geht die Zeit, wenn sie wie im Flug vergeht?
Ralf Isau beschäftigt sich mit diesen Fragen und verpackt seine Überlegungen geschickt in einen Fantasy-Roman.

"Paula M..." / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Paula M..." / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Sophia ist 14 Jahre alt als innerhalb kurzer Zeit sowohl ihre Eltern als auch ihr Großvater ums Leben kommen. Von ihrem Opa erbt sie ein merkwürdiges Ei, dass eine Uhr enthält. Auch das „Merkwürdigste Buch der Welt“ findet sich in seinem Nachlass. Großvater Kollin hat es extra für seine Enkelin geschrieben, um ihr von einer geheimnisvollen Welt zu berichten, die das Uhr-Ei angeblich beheimaten soll. In Mekanis, dem Reich des Stundenwächters Oros, so der Uhrmacher, leben gefühlskalte, mechanisch gesteuerte Organismen – Oros Untertanen. Sophia, als moderne junge Frau des 21. Jahrhunderts glaubt der Geschichte nicht, bis sie schließlich die Uhr aufzieht. Kurzerhand wird sie ins innere des Fabergé-Eies gezogen und findet sich im Labyrinth der Zeit wieder. Dort trifft sie auf Theo, einen jungen Germanen, der schon seit Jahrtausenden in Mekanis gefangen wurde. Gemeinsam wollen sie versuchen, Oros von einem grausamen Plan abzubringen – eine gefühllose, kalte Welt in die Realität umzusetzen. Doch auch der Meister der Zeit hat erkannt, dass sich ihm eine erneute Chance bietet. Seine Späher sind Sophia und Theo dicht auf den Fersen. Diese versuchen unterdessen im „Merkwürdigsten Buch der Welt“ und in Theos Geschichte einen Hinweise zu finden, der ihnen helfen soll Oros für immer unschädlich zu machen.

"Juliane Guder" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Juliane Guder" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Mein Fazit:Ralf Isau ist ein Meister des Erzählens. „Der verbotene Schlüssel“ verschlingt der Leser gleichsam, wie das Uhr-Ei die Protagonistin. Der Autor besitzt die Fähigkeit, Bilder in den Köpfen seiner Leser entstehen zu lassen. Alle Kulissen werden detailliert beschrieben, so dass der Leser die tickenden Uhren in der Wohnung von Ole Kollin geradezu ticken hört. Dabei ist die Beschreibung aber nicht langatmig, sondern genau richtig geraten.
Das Buch umarmt den Leser und nimmt ihn in seine Seiten auf. Schon nach kurzer Zeit fiebert der Leser mit Sophia mit, möchte Theos Geschichte erfahren und flüchtet vor automatisierten Menschen. Dabei gibt es immer wieder Sprünge zwischen Vergangenheit, Mekanis und dem Berlin der Gegenwart. Mal erzählt Theo kapitelweise seine Geschichte, dann findet sich der Leser in mitten metallener Grashalme wieder, die typische Flora Mekanis. Auch wenn Zeitsprünge oft eine Herausforderung für Autor und Leser darstellen, wird hier niemand verwirrt. Die Sprünge kündigen sich, zum Beispiel durch erneutes Aufziehen des Uhr-Eis, im Voraus an und sorgen gleichzeitig für Abwechslung in der Geschichte.

"Petra Heber" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

"Petra Heber" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Philosophische Alltagsrefelktion

Nicht nur die Geschichte selbst hält den Leser in Atem und bringt ihn dazu, immer weiter lesen zu wollen. Ralf Isau beabsichtigt auch in gewisser Weise Gesellschaftskritik mit seinem Buch zu üben. Wie er in einem Interview sagt, ist er durchaus davon überzeugt, dass auch junge Leute über ihre Lebenssituation bewusst nachdenken können und wollen. Deshalb geht es neben der eigentlichen Story auch um (fast schon philosophische) Alltags-Reflektion. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Das ist eine der Fragen, mit denen sich der Leser beschäftigen soll. Klaut uns unser ganz persönlicher Oros die Stunden, denen wir so hinterherhetzen? Ist es nicht auch schon, einfach mal Zeit zu haben – für sich und für andere? Neben dem zentralen Zeitaspekt stolpert der Leser immer wieder über seinen Umgang mit der Technik – oder sollte man lieber sagen Abhängigkeit? Oros besitzt die Fähigkeit, Maschinen zu kontrollieren – Ipods, Überwachungskameras, Straßenbahnen und Kaffeemaschinen. Theo, der eine Welt voller Elektrik nicht kennt, warnt immer wieder davor, wie abhängig wir Menschen von der Elektronik sind ohne genau zu wissen, was dahinter steckt. Wie sich später herausstellt, sind die Bürger machtlos sobald Maschinen nicht mehr so wollen wie sie.

Erschienen bei cbj