Marie Bornickel

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Buchbesprechung: Jeder einzelne

In Schwerelos on Juli 27, 2011 at 4:38 pm

„Jeder Einzelen“ von Peter Märkert kommt als Krimi mit lokalem Bezug zum Ruhrgebiet daher. Im Zentrum steht die Suche nach Gerechtigekeit und die Frage nach Unschuld. Gleichzeitig setzt das Buch dort an, wo viele Kriminalromane aufhören – in der U-Haft. Überraschungen bis zur letzten Seite sind garantiert.

 

Christina Weiden wird tot aus der Ruhr geborgen. K.o.-Tropfen in Verbindung mit Alkohol haben ihren Tod verursacht. Marco Kröner hat Christina am Abend zuvor von einer Party mitgenommen. Auf dem Weg nach Hause ist sie verschwunden. Als bei Marco ein Fläschen mit K.o.-Tropfen gefunden wird, scheint die Sache klar. Während er in Untersuchungshaft sitzt, versuchen seine Schwester und Lena, Marcos neue Bekanntschaft, dessen Unschuld zu beweisen.

Der Leser weiß von Anfang an, das Marco unschuldig ist. Die Handlung setzt in Christinas letzten Stunden ein. Sie ist bei einem Bekannten zu Gast, hört Musik, trink, plötzlich wird ihr komisch – hier endet der Erzählstrang abrupt. An vielen anderen Stellen gibt es Hinweise auf den Täter. Kleine Kapitel sind aus seiner Sicht formuliert, so auch die „Entsorgung der Leiche“. Trotzdem bleibt es bis zum Ende spannend. Die Identität des Täters bleibt im Dunkeln. So begibt sich der Leser gemeinsam mit der Hauptfigur hinein ins große Rätselraten um den Täter.

Ungewöhnliche Erzählform

Peter Märkert schreibt in der Gegenwartsform. Das ist zunächst ungewöhnlich, passt aber wunderbar zur Geschichte. Informationen, die kleinen Puzzelteilen gleichen, werden sowohl an Marco als auch an den Leser herangetragen. Erst am Ende setzt sich das Bild zusammen. Eben so, wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört. Ich bin der Meinung, dass keine andere Erzählzeit diesen Prozess des „Teilchefsammelns“ für den Leser besser erlebbarer machen könnte.

Der Autor schreibt in kurzen, prägnanten Sätzen. Die gesamte Handlung wirkt dadurch sehr nüchtern wieder gegeben. An den meisten Stellen hat mich das wenig gestört. Ein großes Manko wird diese Erzählweise jedoch dann, wenn Marco ins Gefängnis kommt. Hier hätte ich mir mehr Persönlichkeit gewünscht. Ich hätte wissen wollen, wie der Protagonist sich fühlt, wenn er unschuldig verhaftet wird. Was in ihm vorgeht, womit er hadert. Nur ganz selten blitzt etwas von Marcos Gefühlen durch. Nämlich immer dann, wenn er an Lena denkt und wie sehr er sie vermisst.

Kombination aus Unschuld, Angeklagtem als Protagonist und dem Leben hinter Gittern

Das Thema „Unschuldig schuldig“ steht klar im Mittelpunkt des Buches. Es wurde schon oft als Romanstoff verwendet, kommt dem Leser hier aber nur bedingt bekannt vor. Die Kombination aus der Thematik, dem Angeklagten (statt eines Polizisten) als Hauptfigur und das Leben „hinter Gittern“ macht „Jeder Einzelne“ interessant. Viele Krimis hören da auf, wo der Täter gestellt wurde und verhaftet wird. Dieses Buch ist anderes. Wer über die Ermittlungsarbeit der Polizei lesen möchte, sollte ein anderes Buch wählen. Hier wird beleuchtet, was danach kommt – die Haft, der Verhandlung.

Hinzu kommen viele Sprünge in der Perspektive. Mal wird aus Lenas Sicht geschrieben, mal als Marcos oder Christinas. Ein tieferer Einblick in die Nebencharaktere wird dem Leser jedoch auch hier verwehrt. Das wird aber durch die gute Verknüpfung zwischen den Charakteren zumindest teilweise entschuldigt. Viele eher unbedeutende Charaktere (zum Beispiel der Gefängniswärter) stehen in Verbindung mit den bedeutsamen Figuren. Als Leser bekommt man hier ein Gefühl dafür, wie wichtig jede Figur (um beim Titel zu bleiben: jeder einzelne) für Autor und Handlung sind. #

Wer an dieser Stelle jetzt noch etwas zur Eignung als Ruhrgebiets-krimi lesen möchte, wird leider enttäuscht. Wohl sind viele Ort aus der Gegend genannt, allerdings reichen meine Ortskenntnisse in diesem Teil Deutschlands nicht aus, um hier ein qualifiziertes Urteil zu fällen

4 von 5 Sternen

Das Buch ist im Brockmeyer-Verlag erschienen. Diese Rezension entstand im Rahmen von Blogg dein Buch.

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