Marie Bornickel

Posts Tagged ‘Lettland’

Von leeren Häusern

In Fundstück on Oktober 1, 2016 at 5:33 pm

 

Lettland war nie ein reiches Land. Nach der Wirtschaftskrise hat sich die Lage noch einmalverschlechtert. Nun versucht eine Initiative leere Häuser wiederzubeleben.

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Credits: Lukas Höppner

Ein Gang durch die Rigarer Altstadt oder durch das Jugendstilviertelrund um die Alberta iela führt an beeindruckenden Fasseden vorbei. Reiche Verzierungen, verschnörkelte Ornamente und Wandbemalungen beeindrucken den vorbeigehenden Besucher. Die Fassaden verschleiern gut, dass Lettland das ärmste Land in der Eurozone. Erst beim zweiten Hinsehen wird deutlich: Viele Häuser sind unbewohnt, hinter den Fenstern tut sich nichts. Die vielen Holzhäuser am Rande des Zentrums zerfallen.

Die lettische Bevölkerung war nie reich. Traditionell haben die Letten jahrelang als Bauern bzw. Bäuerinnen und HandwerkerInnen gearbeitet. Man lebte in bescheidenen Verhältnissen auf dem Land und arbeitete für die Oberschicht innerhalb der Stadtmauern. Im Mittelalter markierte der Stadtgaben rund um Riga eine Grenze: Die Grenze zwischen Land-und Stadtbevölkerung, zwischen Unter- und Oberschicht. Kein HandwerkerIn oder Bauer durfte in der Stadt leben. Die Häuser dort waren den Großgrundbesitzern, Geistlichen und Rittern vorbehalten. Diese Oberschicht war allerdings nicht lettisch. Nach der Gründung Rigas durch den deutschen Bischof albert von Buehoeveden, zogen deutsche Händler und Kleinadelige in die Stadt und bauten ein Ständesystem nach deutschem Vorbild auf. Die lettische Bevölkerung hatte in den höheren Ständen aus Sicht der Städter nichts zu suchen und wurde fortan unterdrückt. Ein Vermögen konnte sich in dieser Zeit kaum ein Lette aufbauen.

Abwanderung nach Europa

Erst einige Jahrhunderte später, 1918, erklärten sich Lettland eigenständig. Doch schon im zweiten Weltkrieg wurde Lettland Teil der Sowjetunion und erhielt somit ein sozialistisches Wirtschaftssystem. Auch an den Folgen der Planwirtschaft leidet Lettland noch heute. Zwar haben sich mittlerweile auch ausländische Investoren im Land angesiedelt, doch die gehören eher dem Mittelstand an. Insgesamt wurden 2004 3,1 Milliarden Euro als Direktinvestitionen nach Lettland gebracht. Das größte Investorland ist Deutschland, gefolgt von Schweden, Finnland, Dänemark und Norwegen. Viele deutsche Unternehmen machen ihr Geschäft mit Energie- und Wasserversorgung, der größte deutsche Geldgeber ist die Ruhrgas/eon-Gruppe. Daneben gibt es viele skandinavische Unternehmen, die vor allem Banken in Lettland eröffnet haben. “Die Banken haben die Krise 2009 zu Verantworten”, so eine Mitarbeiterin der lettischen Nationalbibliothek.

By Lukas Höppner

Credits: Lukas Höppner

2009, das Jahr der Weltwirtschaftskrise, ist für viele LettInnen eine Zeit, auf die sie nichtgerne zurückschauen. Das kleine Land am Baltikum steckte damals mitten in den Verhandlungen zum Euro-Beitritt und wurde von der Krise hart getroffen. Die Wirtschaft brach um 18% ein, staatliche Investitionen wurden gekürzt und Arbeitsplätze gestrichen. Viele Menschen sahen in dieser Zeit keine Zukunft mehr in Lettland und wanderten in andere europäische Länder aus. Dort, so ihre Hoffnung, könnten sie sich eine neue Existenz aufbauen. Unter den Emigranten waren vor allem Männer. In Lettland ließen sie ihre Frauen und ihre Häuser zurück. Und so kommt es, dass auch heute, siebe Jahre nach der Krise, mehr Frauen als Männer das Straßenbild prägen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum viele Frauen die Karriereleiter vergleichsweise hoch klettern konnten. Auf Spitzenpositionen gibt es in Lettland mehr Frauen als in Deutschland. Allerdings wird den Frauen auch in höheren Positionen selten Verantwortung übertragen, erklärt Liene Gatere von der lettischen Frauenrechtsorganisation Marta. Neben den relativ gut bezahlten Frauen in Unternehmen gibt es jedoch auch viele Renterinnen, deren Rente nicht ausreicht, um die Wohnung zu bezahlen. Sie halten sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Plastiktüten in den großen Markthallen in Bahnhofsnähe über Wasser.

Zwischennutzung als Mittel gegen Häuserleerstand

Mit der Abwanderung wurden viele Häuser verlassen. In Lettland ist es eher üblich, ein Haus zu kaufen statt eines zu mieten. Doch immernoch fehlt den LettInnen das Geld, neue Wohnungen zu finanzieren. Hinzu kommen horrende Preise, vor allem in der Altstadt, wie Arne Schneider vom Goethe Institut erklärt. Gemeinsam mit seinen KollegInnen hat Schneider sich vorgenommen, leer stehende Häuser wieder mit Leben zu füllen. Sein Lösung ist die Zwischennutzung, bei der Aktivengruppen für ein oder zwei Jahre die leeren Räume nutzen können. Da kann ein Café, ein Kulturzentrum oder ein alternatives Kino entstehen. Erste Erfolge gibt es bereits, denn auch den HauseigentümerInnen kommt das Projekt entgegen. “Es passiert was im Haus. Die Benutzer sorgen dafür, dass das Gebäude nicht noch weiter zerfällt. Wenn der Besitzer das Haus dann doch eines Tages verkaufen will, kommt ihm das zu Gute. Eine Win-Win-Situation sozusagen”, meint Schneider. Um der Zwischennutzungsszene rund um Riga unter die Arme zu greifen plant das Institut momentan einen Austausch mit kreativen Gruppen aus Leipzig. Dort gehört Zwischennutzung bereits fest zum Stadtbild dazu.

Jurmala, ein Badeort an der Ostsee, liegt mit dem Zug gute 30 Minuten von der lettischen Hauptstadt entfernt. Hier trifft man sich am Strand, sobald sich die Sonne zeigt, notfalls auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Bahnstrecke säumen Plattenbauten und halb verfallene Häuser. Die Armut und der Leerstand sind hier deutlicher zu beobachten als in der Stadt. Im krassen Gegensatz dazu steht der Badort selbst. Kein leeres Haus weit und breit, dafür viele Neubauten zwischen Kiefernbäumen und gepflegten Vorgärten. “Jurmala ist meines Wissens nach die einzige Stadt in Riga, die wächst”, bringt es auch Arne Schneider auf den Punkt. Möglicherweise liegt das an den vielen RussInnen, die den Ort bevölkern. Speisekarten und Werbetafeln sind hier zweisprachig verfasst. Auf der Straße hört man hier häufiger Russisch als Lettisch. Denn wer als russischer StaatsbürgerIn ein Haus in Lettlan besitzt, kommt gleichzeitig in den Genuss der Freizügigkeit in der EU. Eine attraktive Aussicht für viele RussInnen. Vielleicht ist Jurmala aber auch eine Vision von Lettland, wie es hätte sein können – ohne Abwanderung und Wirtschaftskrise. Und wer weiß, vielleicht kommt mit dem nächsten Wirtschaftsboom auch die abgewanderte Bevölkerung zurück und belebt die leeren Häuser in und um Riga erneut.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Rechechereise der Jungen Presse Niedersachen und ist in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner verfasst worden. 

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Ein Hauch von Omas Wohnzimmer

In Fundstück on September 29, 2016 at 5:42 pm

Die nationalkonservative Latvijas Avize gilt als eine der großen Tageszeitungen Lettlands. Traditionen werden hier großgeschrieben. Das zeigt sich nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in den Redaktionsräumen.

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Credits: Lukas Höppner

Drei Astronauten landen auf einem unbewohnten Planeten. Das erste, was sie nach der Landung tun: Eine Zeitung und Würstchen bei Narvesen, dem lettischen Schnellimbiss, kaufen. Ein dritter Raumfahrer hastet in Richtung Bistroeingang. Die drei pflegen auch fern der Heimat (moderne) lettische Traditionen. Die Karikatur ziert neben anderen gerahmten Bildern den Konferenzraum der Latvijas Avize und spiegelt die Leitlinien der Zeitung wider. Braune Stühle mit grünen Bezügen bilden den farblichen Kontrast zum Bild. Neben den Kaffeetassen im Regal steht ein Sack angefangene Blumenerde. In der Ecke verstaubt eine Projektor-Leinwand. Die Tageszeitung Latvijas Avize, was übersetzt Lettische Zeitung heißt, zählt zu den auflagenstärksten des Landes und gilt als nationalkonservativ. Besonders viel Wert wird hier auf eine solide Berichterstattung gelegt. Das sagen zumindest die RedakteurInnen. ¨Wir sind die Vertreter des kritischen Journalismus¨, behauptet Girts Vikmanis, einer der JournalistInnen in der Redaktion. Mit seinem blauen Jackett, der Markenuhr und dem weißen Hemd entspricht er dem konservativen Image der Zeitung. ¨Wir berichten kritisch über das, was die Regierung tut¨, erzählt Vikmanis weiter. Als Quellen dienen nicht nur Agenturmeldungen, die sowieso umgeschrieben werden. Neben den klassischen Zugängen nutze man auch Twitter, um eine Story zu recherchieren oder die Stimmung in der Bevölkerung einzufangen. Vor einiger Zeit hat sich ein hochrangiger Politiker über den Nachrichtendienst als homosexuell geoutet. Der Tweet wurde von der Redaktion aufgegriffen und in einen Artikel umgewandelt. Twitter – ein modernes Recherchetool á la Mobile Reporting, das dem konservativen Image widerspricht?

Oder doch eher eine weitere Möglichkeit, um Geld zu sparen? 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen. Fest steht, dass das Zeitungsgeschäft in Lettland nicht profitabel ist. Der Markt ist winzig, für die zwei Millionen Einwohner reichen drei Tageszeitungen aus. Die meisten Zeitungen finanzieren sich über andere Quellen als das eigentliche Tagesgeschäft, viele Verlage sind in der Hand von OligarchInnen, die Besitzstrukturen sind oft unklar. Vor diesem Hintergrund scheint es schon eine Leistung zu sein, wenn die RedakteurInnen sich nicht als Sprachrohr der ZeitungsinhaberInnen verstehen und stattdessen eigene Geschichten recherchieren. “In der Finanzkrise 2009 ist der Zeitungsmarkt zusammengebrochen und hat sich bis heute nicht erholt. Das wirkt sich auf die Qualität des Journalismus aus. Zusätzlicher Druck entsteht durch Internetportale wie Delphi und andere Seiten, die nicht primär journalistisch arbeiten. Meine These von 2003 hat sich bestätigt. Nach der zweiten Unabhängigkeit Lettlands haben ausländische Geldgeber den Markt übernommen. In der Krise sind sie abgewandert”, erklärt der lettische Medienprofessor Ainars Dimants die aktuelle Situation.

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Credits: Lukas Höppner

¨Latvijas Avize ist die einzige Zeitung, die profitabel ist¨, bemerkt Dimants. Durch den Verkauf von Büchern finanziert sich das Unternehmen zusätzlich. Damit kann die Latvijas Avize zumindest ansatzweise als freies Medium bezeichnet werden. Dass die traditionell an die ländliche Bevölkerung gerichtete Zeitung immer noch auf Traditionen setzt, zeigt sich an der Möblierung der Zeitungsräume. Den Büroräumen haftet der Charme der achtziger Jahre an. Im eigens für Interviews und Gespräche eingerichteten Zimmer steht eine hellbraune Polstergarnitur vor angegilbter Raufasertapete. Ein einsamer Beleuchtungsschirm deutet auf die eigentliche Nutzung als Fotoraum hin. Damit erinnert der Raum eher an Omas Wohnzimmer als an fortschrittlichen Journalismus. Nebenan befindet sich die Bibliothek mit alten, zu Büchern gebundenen Ausgaben. Traditionen werden hier großgeschrieben – wie sollte es in einer nationalkonservativen Zeitung auch anders sein? Stolz berichtet Vikmanis von Persönlichkeiten, die in der gut zwanzigjährigen Geschichte in eben diesem Raum empfangen wurden. Darunter auch der ein oder die andere PolitikerIn der ebenfalls nationalkonservativen Regierungskoalition.

Karikaturist und Geschichtsexperte

Obwohl die meisten Redaktionen in Lettland jung sind, liegt der Altersdurchschnitt der Avize deutlich höher. In einem kleinen, versteckten Büro sitzt Eriks Oss. Um zu ihm zu gelangen, muss man zunächst drei Treppenhäuser durchqueren, in denen es nach Mittagessen und Kantine riecht. Mit seinen 89 Jahren hat er schon so manches erlebt: Die Besatzung Rigas durch Russland, anschließend die Sowjetzeit und die zweite Selbstständigkeit 1991. Über seine persönlichen Erfahrungen möchte er nicht viel erzählen. Nur, dass er als Kind nach Deutschland flüchtete, daher spreche er noch immer gut Deutsch. Für die Redaktion arbeitet er als Karikaturist. Auch die Bilder im Konferenzraum stammen von ihm. ¨Um die Mittagszeit kommt die Chefredakteurin vorbei und gibt mir ein Thema. Dann habe ich zwei Stunden Zeit für die Zeichnung¨, erzählt Oss. Einen Computer sucht man auf seinem Schreibtisch vergeblich. Er arbeitet klassisch mit Zeichenkohle und Bleistift – auch das ist eine Form von Tradition.

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Credits: Lukas Höppner

Im Newsroom, ein Treppenhaus weiter, stapeln sich alte Zeitungsausgaben und Geschichtsbücher zwischen angestaubten Karteisystemen. Die Möbel scheinen aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Mittendrin sitzt er, zuständig für die Geschichtsthemen. Auch ihn kann man gut und gerne zum Inventar der Zeitung zählen. Zwar ist er nicht ganz so alt wie Oss, doch weiß er viel aus alten Zeiten zu berichten. Er erzählt von geschlagenen Schlachten, von Letten, die im zweiten Weltkrieg gegen Letten kämpfen mussten und von der zweiten Unabhängigkeit. Hört man seinen Vorträgen zu, erinnert er an Geschichtsexperten in amerikanischen Fernsehsendungen. XY lebt in seiner eigenen Welt, genauso wie die gesamte Zeitungsredaktion. Ob die Redakteure jemals neues Land betreten werden wie die drei Astronauten in der Karikatur ist fraglich. Sicherlich würden aber auch sie zuerst zu Narvesen gehen – Tradition muss schließlich sein.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Rechechereise der Jungen Presse Niedersachen und ist in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner verfasst worden.