Marie Bornickel

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Buchbesprechung: Der Glücksfinder

In Schwerelos on August 9, 2011 at 2:39 pm

Die Diskussion um Migration, Islam und Abschiebepolitik kann kaum aktuelle sein. In Zeiten von Fundamentalisten, die Anschläge auf Grund von Islamistenhass begehen und Thesen über „Kopftuchmädchen“ setzt „Der Glücksfinder“ von Edward van de Vendel und Anoush Elman ein Zeichen für mehr Menschlichkeit. 

Hamayun ist zehn Jahre alt, als seine Familie aus Afghanistan flieht. Die Taliban regieren das Land strikt nach den Gesetzen der Scharia. Hamayuns Vater hat früher Mädchen unterrichtet. Damit gilt er in den Augen der Taliban als Feind des Regimes. Bei einer Razzia findet die Taliban-Polizei Videokassetten und einen Fernseher bei Hamayuns Familie. Um einer Gefängnisstrafe oder gar einer Hinrichtung zu entgehen, flieht man noch in der selben Nacht. Ein halbes Jahr lang vertraut die Familie ihr Leben den Menschenschleppern an – Knochenträgern, wie Hamayun sie nennt. Dann haben sie es geschafft, sie sind in den Niederlanden angekommen. Obwohl sie freundlich aufgenommen werden, steht kein Happy-End in Aussicht. Die Asylanträger der Familie werden immer wieder abgewiesen. Plötzlich sind sie sogar illegal im Land.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Zwischen Freundschaft und Hoffnung, Verrat und Enttäuschung

„Der Glücksfinder“ ist eine Geschichte über Freundschaft, Verlust und Hoffnung. Schon mit zehn Jahren muss Hamayun erfahren, wie instabil die Welt sein kann. Immer wieder wird auf dramatische Art und Weise deutlich, wie nah Freude und Verlust beieinander liegen kann. Der jüngste Bruder wird in Afghanistan zurückgelassen. Auf der Flucht gibt es immer wieder Personen, die Hamayun ans Herz wachsen. In den Zwischenlagern entstehen ungleiche Freundschaften – zwischen alten Frauen und kleinen Jungen, Muskelpaketen und Denkern. Doch schon ein Tag später kann man getrennt werden und sieht sich nie mehr wieder. Denn die Flüchtlinge sind „atmende Pakete“, wie einer der Flüchtenden im Buch feststellt, die den kriminellen Schleppern zu Gewinn verhelfen.

In den Niederlanden gelangt Hamayuns Familie in ein Heim für Asylbewerber. Hier geht es ihnen gut, sie finden sogar den älteren Bruder wieder. Hamayun kann zur Schule gehen, schließt Freundschaften, verliebt sich zum ersten Mal. Schließlich fordert ihn seine Niederländisch-Lehrerin auf, ein Theaterstück auf Grundlage seiner Flucht zu schreiben. Kurz vor der Aufführung wird Hamayuns Familie verraten, der Vater verhaftet. Die Abschiebung nach Afghanistan steht kurz bevor.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Sprachlich überzeugt das Buch ebenfalls. Hamayun berichtet als Ich-Erzähler über Afghanistan und die Niederlande. Er tut das in einer Art Rückblick. Das Buch beginnt dort, wo er aufgefordert wird, ein Theaterstück über seine Flucht zu schreiben. Rückblickend erfährt der Leser von der Flucht. Das bedeutet auch, dass man nicht alle Ereignisse sofort versteht. Schließlich ist Hamayun zehn Jahre alt, als er flieht und wird nur in wenige Dinge eingeweiht. Doch gerade das macht das Buch so authentisch. Der Leser kann die Unsicherheiten im Leben der Hauptperson so viel besser nachvollziehen. Am Ende wird der Anfang wieder aufgegriffen. Hamayuns Familie wird kurz vor Aufführung des Stückes verraten. Von nun an ist es unklar, ob sie überhaupt in den Niederlanden bleiben kann. Trotz dieser Höhen und Tiefen bezeichnet sich Hamyun selbst als Glücksfinder.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Roman und Biografie

Beeindruckend, verstörend, bewegend; so kann man das Buch am besten beschreiben. Ich habe lange kein so gutes Buch mehr gelesen. „Der Glücksfinder“ ist keine fiktive Geschichte. Anoush Elman, einer der beiden Autoren, erzählt von seiner eigenen Flucht. Einige Personen wurden dazu erfunden, manche Ereignisse zusammengefasst oder in einen andere Reihenfolge gebracht., so steht es im Nachwort. Trotzdem liegt diesem Buch die reale Biografie eines Afghanistan-Flüchtlings zu Grunde. Spätestens mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann man nicht mehr leugnen, dass es große Lücken in der westlichen Abschiebepolitik gibt. Das Thema kann kaum aktuelle sein. Gerade bricht, auch mit Blick auf die Anschläge in Oslo oder auf Sarazins Thesen, eine neue Debatte über Migration aus. Gleichzeitig werden die Ängste vor Überfremdung und Islamisierung geschürrt. „Der Glücksfinder“ setzt ein deutliches Zeichen dagegen. Der Leser begreift schnell, dass man nicht alle Bürger eines Lands in einen Topf werfen kann und nicht alle Afghanen gleichzeitig Taliban sein müssen.

Um die Problematik des Buches insgesamt zu erfassen, ist einiges Vorwissen nötig. Der zehnjährige Hamayun sieht auf der einen Seite viele Dinge für selbstverständlich an. Auf der anderen Seite begreift er Manches nicht, weil er nicht in die Gespräche der Erwachsenen einbezogen wird. Der Leser muss in groben Zügen über das Taliban-Regime bis 2001 in Afghanistan Bescheid wissen. Außerdem wird an einigen Stellen auf den 11. September 2001 und den Afghanistankrieg angespielt. Auch hier versteht man mehr, wenn man die Zusammenhänge von Anfang an kennt. Das ist aber auch der einzige negative Punkt, den ich in diesem Buch finden kann.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Das Ende beleibt offen. Es gibt sogar zwei alternative Enden. Das eine ist ein Happyend. Das zweite Ende wollte ich zunächst gar nicht lesen. Zu sehr war mir Hamayun ans Herz gewachsen. Beide Enden bleiben recht offen. Das hat mir besonders gut gefallen. Eine Patentlösung passt einfach nicht zum Rest des Buches. Trotzdem war ich sehr erleichtert, als ich im Text über den Autor gelesen habe, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Fazit:

„Der Glücksfinder“ regt an über Asylbewerber nachzudenken und genauer hinzusehen. Nachdem man diese Buch gelesen hat, kann man nicht mehr pauschal über „die Ausländer“ urteilen. Der Roman ist unbedingt weiterzuempfehlen. Nicht umsonst wird das Buch in den Niederlanden hochgelobt.

Erschienen im Carlsen-Verlag

Alle Bilder in diesem Artikel stammen von Giulio Piscitelli, einem italienischen Fotografen. Er hat im März eine Gruppe Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Italien begleitet. Mit seinen Fotos möchte er auf die schlechte Situation der Flüchtlinge auf Lampedusa hinweisen. Weiter Fotos sind auf jugendfotos.de veröffentlicht.