Marie Bornickel

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Wahlkampf auf der Zielgraden

In Botengang on Februar 2, 2013 at 10:15 am

Zu Gast bei Grün und Gelb am Wahlvorabend – von Luisa Meyer und Marie Bornickel

stimmung_sebastian_11-09-2005

„Sebastian Wieschowski“ / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Die pseudo-chinesische goldene Winkekatze trägt ein kleines T-Shirt mit der Aufschrift „3 Tage wach“. Unablässig winkt sie den Grünen zu, die um den vollgestopften Tisch herum sitzen und ein wenig apathisch auf ihre Laptoptbildschirme starren. In drei Ecken stehen Kameras und filmen das Geschehen, ein Livestream im Internet sendet 72 Stunden alles, was in dem kleinen Raum passiert. Teller mit Essensresten stehen herum, eine Frau häkelt blitzschnell einen rosafarbenen Schal. Eine Bierkiste steht auf dem Boden.

In der Landeszentrale der Grünen in Hannover-Mitte herrscht aufgeregte Stimmung. 20 politikbegeisterte Jugendliche quetschen sich in den ohnehin schon engen Raum, der ein bisschen die Atmosphäre von einer Studentenbude hat. Nachwuchsreporter der Jungen Presse Niedersachsen, die sich die letzten Vorbereitungen der Grünen ansehen. Nachdem sie einen ganzen Tag lang über Wahlprogrammen gebrütet haben, mit Vorsitzenden der Jugendverbände der Parteien, Politikern und Redakteuren diskutiert haben, recherchieren sie nun vor Ort.

Über 12 Stunden vor Öffnung der Wahllokale in den Wahlkreisen haben die Grünen schon mehr als 3000 Anfragen zur ihrer Landespolitik beantwortet. Fragen wie „Warum fördert ihr nicht den Ausbau der Autobahnstrecken“ oder „Was ist eure Haltung zum bedingungslosen Grundeinkommen“ tauchen auf der Internetseite auf, die Ehrenamtlichen haben alle Hände voll zu tun, mit den Antworten Wähler zu informieren. So kurz vor der Wahl versuchen sie mit dieser Aktion letzte Unentschlossene zu einem Kreuz für ihre Partei zu gewinnen. Ein Jugendlicher sitzt mit seinem winzigen Netbook neben einem älteren Grünen, der allein äußerlich alle Klischees bedient: langer Bart, lange Haare, in der Hand eine Flasche Einbecker.

Bunte Gardinen hängen vor den Fenstern, neben der Winkekatze erinnern Sonnenblumen aus Holz an das Logo der Grünen. Ein Plakat mit einer persönlichen Widmung von Stephan Weil steht in einer Ecke, er war heute kurz zu Besuch. Alle hoffen auf einen Regierungswechsel, auf eine Mehrheit für Rot-Grün

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 Empfohlene Nennung"Jan-Henrik Dobers" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de

Jan-Henrik Dobers“ / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Am anderen Ende der Stadt füllt sich eine kleine Privatwohnung. Die Schuhe stapeln sich bereits im Hausflur. Im Minutentakt klingeln Gestalten in weißen Kapuzenpullovern, die im Schneetreiben draußen kaum auszumachen sind. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch ein leuchtend gelber Aufdruck ins Auge: Freiheit leben. Auch das andere politische Lager versucht Wählerstimmen zu gewinnen und hat eine kleine Gruppe junger Redakteure eingeladen. Das Konzept ist sehr ähnlich. Die letzten 24 Stunden vor dem alles entscheidenden Abend beantworten auch die Jungen Liberalen, die Jugendorganisation der FDP, Fragen per Livechat. Böse Zungen mögen behaupten, dass die Liberalen dies auch dringend nötig haben, sahen doch die letzten Wahlprognosen die FDP nicht einmal bei sicheren 5-Prozent. Gleich die erste Frage bezieht sich auf ein Kernthema der Partei: „Was tut die FDP gegen die kalte Progression“? „Wer ist hier für Wirtschaft der Experte“, ruft Lasse Becker aus dem Bundesvorstand in den Raum. Schnell ist der Ansprechpartner unter den gut 30 Anwesenden ausgemacht und setzt sich zu Lasse aufs Sofa. Charlotte Winkler, stellvertretene Vorsitzende der Julis in Niedersachsen prüft währenddessen das Kamerabild. Statt drei großen Kameras wie in der Landeszentrale der Grünen tut es hier ein kleines Handgerät. Das sende auch nicht aus einem Bürokomplex, sondern aus einer Privatwohnung. Alles wirkt ein wenig spontan. Es gibt lediglich zwei Stühle und Spitzenkandidat Stefan Birkner lächelt etwas schief vom Wahlplakat an der Wand. „Die Internetverbindung war in der Landeszentrale zu schlecht, da sind wir kurzerhand hier her umgezogen“, erklärt Oliver Olpen, der Landesvorsitzende. „Das ist bei uns so. Wir sind spontan und praktisch veranlagt, wir finden schnell Lösungen“, fügt ein anderer hinzu. Es sind nicht viele Fragen, die die Nachwuchspolitiker beantworten müssen. So bleibt Zeit, auch über andere Themen zu sprechen, wie zum Beispiel der Medienauftritt der öffentlich-rechtlichen Sender. Tatort und Co. für immer im Netz lassen, statt Formate nur für eine Woche freizuschalten fordern die JuLis an diesem Punkt. Nicht nur die Piraten haben das Internet für sich entdeckt. Auch die jungen FDPler werben kräftig in den Sozialen Netzwerken. Neben dem Livebild werden Fotos auf facebook veröffentlicht, Fragen können auch per Twitter an die Gruppe gestellt werden. Beim kommentieren ist aber vor allem eines wichtig – die richtige Rechtschreibung. Das bekommt auch gleich eine junge Liberale zu spüren, in deren Text sich drei Fehler geschlichen haben. Allerdings geht deren Entschuldigung in einem psssst-Konzert unter. Schließlich ist es schon nach 23 Uhr und die Nachbarn haben sich bereits beschwert. „Ihr wollt doch auch, dass wir weiter machen können“, kommentiert Lasse Becker. Ob er damit wohl die Partei oder den Livestream-Abend meint, bleibt offen.

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Jugendpressekonferenz ohne Ministerin

In Botengang on Juni 15, 2011 at 9:06 pm
Conne Island / Flickr

Conne Island / Flickr

Eigentlich sollt hier ein Artikel über die Niedersächsische Familienministerin Aygül Özkan zu lesen sein. Es sollte um den Ehec-Erreger gehen und um eventuelle Versäumnisse der Politik. Um Integration und Chancen für Ausländer. Groß wurde die Jugendpressekonferenz angekündigt, etwa 40 Jungjournalisten haben sich gemeldet, da fällt die Konferenz aus. Die Ministerin sei in einer Sitzung, die an diesem Tag länger dauern würde, heißt es. Nach hinten verschieben kann man den Termin auch nicht. Was also schreiben? Ein Lebenslauf der Ministerin? Ein Kommentar zu ihrer momentan eher zurückhaltenden Politik? Wahrscheinlich kann man es so formulieren: Die Ministerin hat besseres zu tun, als sich um den journalistischen und politisch interessierten Nachwuchs zu kümmern.

Buchbesprechung: Ich und die Kanzlerin

In Schwerelos on Februar 20, 2011 at 4:12 pm

Ich halte keine Roman in der Hand, sondern ein Tagebuch. Wäre da nicht der Titel sowie Autor und Verlag aufgedruckt, könnte man das weiße Buch mit dem schwarzen Gummizug wirklich für ein Notizbuch halten. Es ist der Praktikumsbericht von Jasmin Behringer. Wir dürfen sie von dem Moment an begeleiten, in dem sie über eine mögliche Praktikumsstelle nachdenkt. Tatsächlich erhält sie die Chance, ihr Praktikum im Bundeskanzleramt zu machen. Also ganz nah dran an der Kanzlerin und den wichtigen Entscheidungen. Jasmin erfährt was „Unter 3“ bedeutet (eine Nachricht, die nur den an dem Gespräch beteiligten Personen etwas angehen) und dass die Reden gar nicht von der Kanzlerin selbst, sondern von einem Ghostwriter geschrieben werden. Aber was sie vor allem feststellen kann ist, dass im Bundestag die Besten der Besten arbeiten. Für jeden wichtigen Bereich gibt es Menschen, die Experten sind und so die wichtigen Informationen an die Kanzlerin weiterleiten. Jasmin darf auch dort hin, wo Zeitungen gelesen werden und dann in eine Pressemappe gelegt werden. Diese Mappen erhalten dann die Politiker um zu wissen, wie die Medien über sie denken.

Einblick in den deutschen Bundestag

Das Buch gibt einen kleinen Einblick in den deutschen Bundestag und das Kanzleramt. Jasmin nimmt zum Beispiel als Besucherin an einer Plenardebatte teil. Außerdem wurde sich bemüht, wirklich realistisch zu schreiben. So gibt es Personen, die durchaus als Anspielung auf einige Politiker zu verstehen sind. Wer nun auch ein Praktikum im Bundestag machen möchte, wird leider enttäuscht. Das ist nicht möglich. Auch Jasmin hat nicht in Wirklichkeit ein Praktikum im Bundeskanzleramt gemacht. Jasmin gibt es auch gar nicht. All das ist eine Erfindung des Autors Martin Baltscheit. Allerdings hat er sich sehr viel Mühe gegeben, diese fiktive Person in die Realität um zu setzen. So gibt es einen Blog (http://meinpraktikumimkanzleramt.blogspot.com) in dem Jasmin alias Herr Baltscheit Fotos postet und berichtet. Das Buch ist allgemein mit vielen Links gespickt, was mir gut gefallen hat. Man kann spzusagen gleich weiterlesen.So gibt es einen Verweis zu den Protokollen der Plenarsitzungen.

„Ich und die Kanzlerin“ ist gut geeignet für Jugendliche, die ihre ersten Erfahrungen mit der Politik machen. Ich würde es für Schülerinnen empfehlen, die zum ersten Mal Politik als Schulfach haben. Die Sprache ist sehr der Jugendsprache angepasst, ohne Fachchinesisch, und das Buch hält sich nicht nur an Fakten. Auch eine kleine Liebesgeschichte kommt darin vor. Martin Baltscheids Ziel war es, Interesse an Politik und Demokratie zu wecken. Das hat er geschafft. Ich persönlich habe allerdings mehr erwartet. Wer – wie ich – hofft, über komplexere Strukturen zu lesen oder erklärt zu bekommen, wie der Tagesablauf der Kanzlerin aussieht, und was nun wirklich ihre Aufgaben sind, wird enttäuscht. Wie der Autor im Nachwort schreibt, war er in einer beliebigen Woche im Bundestag und hat sich vorgestellt, wie es wohl wäre, eine Jasmin Behringer zu sein. Dass er es sich bloß vorgestellt hat, merkt man leider auch im Buch. Was mich sehr gestört hat, waren kleine Phantasien von Jasmin. Diese waren, nüchtern betrachtet, sehr unrealistisch. Dass man sich hin und wieder in ihrer fiktiven Welt und nicht in der wirklichen bewegt, erfährt der Leser erst später. So ging ein Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Mir war es zu dick auf getragen, dass die Kanzlerin Jasmin einen Staatsbesuch empfangen lassen würde, damit sie schlafen kann. Neben diesen negativen Dingen muss man die Gestaltung des Buches aber auf jeden Fall positiv anrechnen. Es gibt am Ende Platz, um sich eigene Gedanken zu machen. Es gibt eine Seite, die unter dem Thema „Fragen an die Kanzlerin“ steht, eine andere ist mit „Visionen für den Weltfrieden“ überschrieben. Das macht das Buch interessant.

Fazit
Für Schüler, die sich mit Politik beschäftigen wollen, aber noch keinen wirklichen Einstieg in die schwere Materie gefunden haben, ist das Buch das Richtige. Um auch für Jugendlich interessant zu sein, die in der Materie drin sind, hätte man das Augenmerk eher auf Strukturen legen sollen und nicht auf die möglichst realistische Darstellung einer fiktiven Protagonistin.

(Auch erschienen auf Lizzynet.de unter meinen Benutzernamen Missmarie: Buchbesprechung Ich und die Kanzlerin )