Marie Bornickel

Posts Tagged ‘rezension’

Rezension „Ich und Ben“

In Schwerelos on August 19, 2012 at 9:05 pm

Kann das funktionieren? 21 Jahre auf 220 Seiten zu beschreiben? Ohne großen Zusammenhang, in Form kurzer Episoden? Eine gute Portion Skepsis schwingt mit, wenn der Leser das Buch aufschlägt. Schon mit der ersten Seite befindet er sich mittem im Geschehen.

Dezember 1986 – Ben wird geboren und sein Vater ist mit der ganzen Situation etwas überfordert. Er muss erstmal weg, raus, einen Freund besuchen und entsorgt bei der Gelegenheit die Nachgeburt im Mülleimer. Diese kurze Szene ist prägend für das Buch. Schon kurze Zeit später trennen sich Bens Eltern. Als alleinerziehender Vater, sowas wie die Modeerscheinung der Gegenwart, schlägt sich der Protagonist mit Ben durch. Dabei scheint es, als reiche schon die eigenen Probleme für zwei Leben. Der Ich-Erzähler hat kein abgeschlossenes Studium – dafür aber viele angefangene. Zeitweise leben die beiden in einem Gartenpavillon, weil das Geld für eine bessere Wohnung nicht reicht. Seine spätere Frau betrügt die Hauptperson mit der Nachbarin, als er das neue Heim saniert.  Und dann ist da noch Ben. Ben, der wächst, in die Schule kommt, das Gymnasium nicht schafft, Drogen in seiner WG züchtet und am Ende des Buches vor seinem Haftantritt steht.

Menschen – alltäglich und ungeschönt

Schon mit dem Titel lässt sich erahnen, dass es weniger um die Vater-Sohn-Beziehung geht (die faktisch nicht vorhanden ist), sondern eher um Bens Vater – Ich steht an erster Stelle. Dem Autor ist die große Kunst gelungen, keine einzige Episode zu bewerten. Der Leser wird, recht schonungslos, mit den Geschehnissen konfrontiert. Ob er sie gut oder schlecht, moralisch verwerflich oder angemessen beurteilt, bleibt ihm vollkommen selbst überlassen. Der Leser sieht die Welt durch die Augen von Bens Vater. Trotzdem scheint es, als komme ihm die Rolle des Beobachters zu, fast wie in einem Dokumentarfilm ohne erklärenden Kommentar. Wahrscheinlich ist es auch aus diesem Grund nicht möglich, die Kernaussage Andreas Durys zu erkennen. Ob und wann ja, was er mit „Ich und Ben“ erzählen möchte bleibt im Dunkeln. Vielleicht geht es einfach um die Schilderung der Menschlichkeit – ungeschönt und alltäglich.

Andreas Dury hat eine sehr interessante Möglichkeit gefunden, uns das Leben von Ben und seinem Vater näher zu bringen. Alle zwei oder drei Jahre taucht man in das Leben der beiden ein und zieht sich ebenso abrupt wieder hinaus. Einleitungen und Erklärungen gibt es nicht. Auf den Leser kommt viel Rekonstruktionsarbeit zu. Er muss Zusammenhänge selbst herstellen, er muss herausfinden, dass Bens Vater plötzlich verheiratet ist oder Ben in die Schule geht. Kleine Hinweise helfen ihm jedoch dabei. In welches Genre das Buch nun einzuordnen ist, bleibt offen. Eine andere, neue Leseerfahrung ist es auf jeden Fall.
Das Buch ist im Conte-Verlag erschienen.

Advertisements

Buchbesprechung: Selbstmanagement und Zeitplanung

In Schwerelos on Januar 28, 2012 at 4:45 pm

 Dinge endlich geregelt kriegen – am besten auch noch rechtzeitig. Diesem Wunsch soll der lernende Leser mit Hilfe von Edith Pürschels Buch näher kommen.

Die Autorin arbeitet in der psychologischen Beratung an der freien Universtität Berlin. Der Klappentext verspricht, dass das Buch ideal auf die Bedürfnisse von Studenten angepasst ist. In dem recht schmalen Werk finden sich 6 Themenblöck. Zunächst soll der Leser bestimmen, wie er momentan seinen Umgang mit der Zeit pflegt. In Tortendiagrammen soll eingetragen werden, wie man seine Zeit aktuelle verbringt und optimaler Weise verbringen möchte.

"Rebecca Fikuart" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

"Rebecca Fikuart" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Zum Ausfüllen soll eine Woche lang notiert werden, was man wie lange macht. Im Praxistest fiel die Methode leider durch: In den ersten zwei Tagen notierte ich noch akribisch jede Mahlzeit und jede Straßenbahnfahrt, am 3. Tag gab es erste Lücken, bis ich das Unterfangen am 4 Tag beendete. Super, gleich die erste Aufgabe und ich scheitere an der Umsetzung. Auch der Vergleich der Tortendiagramme brachte mich nicht weiter. Natürlich, es ist eine nette Idee, zu schauen, wie lange man in der Uni sitzt, sich mit Freunden trifft oder einem Hobby nachgeht.  Mir wurde schnell klar, dass meine Wunschverteilung auf einen Tag mit mindestens 48 Stunden hinauslaufen würde. Ein kleines Plus gab es am Ende des Kapitels: Über Ziele und Wünsche nachzudenken war eine tolle Motivationshilfe.

Den zweiten Teil des Buches, Studieren lernen, hätte man in meinen Augen streichen können. Hier wird einiges über Lernverhalten und Arbeiten in Gruppen erläutert. Dabei werden die Themen sehr knapp abgehandelt. Der 3. und 4. Teil wiederum konnten punkten. Nachdem ich mit Hilfe der Übungen meine „Zeitdiebe“ entlarvt habe und auch den ein oder anderen Tipp berücksichtigt hatte, kam mir meine Arbeitshaltung schon deutliche verbessert vor. Auch dem Kapitel rund um Motivation und Konzentration konnte ich etwas abgewinnen.

"Bianca Taube" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc) http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de

Gegen Ende hin sank der Nützlichkeitsfaktor jedoch erneut. Der 5. Teil arbeitet mit dem Selbstcoaching und erklärt dem Leser, wie man mit dem inneren Schweinehund fertig werden soll. „Mit Gewohnheiten brechen“ und „Mit Widerständen rechnen“ lauten zwei der plakativen Unterkapitel. Zunächst wirkt dieser Teil wirklich entmutigend, da dem Leser dagelegt wird, dass er das vorher mühsam Erarbeitere vergessen kann, sofern er sein Leben nicht komplett umkrempelt. Um ihn beim Umkrempeln zu unterstützen gibt es wieder einige Tipps. Diesen stehen in meinem Augen in keinem Verhältnis zu den geforderten Veränderungen. Da heißt es dann in etwa: Gehen sie positiv an Veränderungen heran. Etwas Neues zu beginnen ist besser, als sich etwas abzugewöhnen.

Zur Aufmachung des Buches: Viele Kästen, Tipps und Zusammenfassungen ermöglichen einen schnellen Überblick. Einige Tabellen und Grafiken lockern die Bleiwüste auf. Allerdings finden sich in dem Buch viele grammatikalische Fehler (Kommata, Pronomen…).

Fazit: Für diese Berg und Tal Fahrt der Nützlichkeit gibt es 2 von 5 Sternen.

Vielen Dank an bloggdeinbuch und den UTB Verlag (hier bestellbar)

Buchbesprechung: Der Glücksfinder

In Schwerelos on August 9, 2011 at 2:39 pm

Die Diskussion um Migration, Islam und Abschiebepolitik kann kaum aktuelle sein. In Zeiten von Fundamentalisten, die Anschläge auf Grund von Islamistenhass begehen und Thesen über „Kopftuchmädchen“ setzt „Der Glücksfinder“ von Edward van de Vendel und Anoush Elman ein Zeichen für mehr Menschlichkeit. 

Hamayun ist zehn Jahre alt, als seine Familie aus Afghanistan flieht. Die Taliban regieren das Land strikt nach den Gesetzen der Scharia. Hamayuns Vater hat früher Mädchen unterrichtet. Damit gilt er in den Augen der Taliban als Feind des Regimes. Bei einer Razzia findet die Taliban-Polizei Videokassetten und einen Fernseher bei Hamayuns Familie. Um einer Gefängnisstrafe oder gar einer Hinrichtung zu entgehen, flieht man noch in der selben Nacht. Ein halbes Jahr lang vertraut die Familie ihr Leben den Menschenschleppern an – Knochenträgern, wie Hamayun sie nennt. Dann haben sie es geschafft, sie sind in den Niederlanden angekommen. Obwohl sie freundlich aufgenommen werden, steht kein Happy-End in Aussicht. Die Asylanträger der Familie werden immer wieder abgewiesen. Plötzlich sind sie sogar illegal im Land.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"giulio piscitelli" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Zwischen Freundschaft und Hoffnung, Verrat und Enttäuschung

„Der Glücksfinder“ ist eine Geschichte über Freundschaft, Verlust und Hoffnung. Schon mit zehn Jahren muss Hamayun erfahren, wie instabil die Welt sein kann. Immer wieder wird auf dramatische Art und Weise deutlich, wie nah Freude und Verlust beieinander liegen kann. Der jüngste Bruder wird in Afghanistan zurückgelassen. Auf der Flucht gibt es immer wieder Personen, die Hamayun ans Herz wachsen. In den Zwischenlagern entstehen ungleiche Freundschaften – zwischen alten Frauen und kleinen Jungen, Muskelpaketen und Denkern. Doch schon ein Tag später kann man getrennt werden und sieht sich nie mehr wieder. Denn die Flüchtlinge sind „atmende Pakete“, wie einer der Flüchtenden im Buch feststellt, die den kriminellen Schleppern zu Gewinn verhelfen.

In den Niederlanden gelangt Hamayuns Familie in ein Heim für Asylbewerber. Hier geht es ihnen gut, sie finden sogar den älteren Bruder wieder. Hamayun kann zur Schule gehen, schließt Freundschaften, verliebt sich zum ersten Mal. Schließlich fordert ihn seine Niederländisch-Lehrerin auf, ein Theaterstück auf Grundlage seiner Flucht zu schreiben. Kurz vor der Aufführung wird Hamayuns Familie verraten, der Vater verhaftet. Die Abschiebung nach Afghanistan steht kurz bevor.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"giulio piscitelli" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Sprachlich überzeugt das Buch ebenfalls. Hamayun berichtet als Ich-Erzähler über Afghanistan und die Niederlande. Er tut das in einer Art Rückblick. Das Buch beginnt dort, wo er aufgefordert wird, ein Theaterstück über seine Flucht zu schreiben. Rückblickend erfährt der Leser von der Flucht. Das bedeutet auch, dass man nicht alle Ereignisse sofort versteht. Schließlich ist Hamayun zehn Jahre alt, als er flieht und wird nur in wenige Dinge eingeweiht. Doch gerade das macht das Buch so authentisch. Der Leser kann die Unsicherheiten im Leben der Hauptperson so viel besser nachvollziehen. Am Ende wird der Anfang wieder aufgegriffen. Hamayuns Familie wird kurz vor Aufführung des Stückes verraten. Von nun an ist es unklar, ob sie überhaupt in den Niederlanden bleiben kann. Trotz dieser Höhen und Tiefen bezeichnet sich Hamyun selbst als Glücksfinder.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"giulio piscitelli" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Roman und Biografie

Beeindruckend, verstörend, bewegend; so kann man das Buch am besten beschreiben. Ich habe lange kein so gutes Buch mehr gelesen. „Der Glücksfinder“ ist keine fiktive Geschichte. Anoush Elman, einer der beiden Autoren, erzählt von seiner eigenen Flucht. Einige Personen wurden dazu erfunden, manche Ereignisse zusammengefasst oder in einen andere Reihenfolge gebracht., so steht es im Nachwort. Trotzdem liegt diesem Buch die reale Biografie eines Afghanistan-Flüchtlings zu Grunde. Spätestens mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann man nicht mehr leugnen, dass es große Lücken in der westlichen Abschiebepolitik gibt. Das Thema kann kaum aktuelle sein. Gerade bricht, auch mit Blick auf die Anschläge in Oslo oder auf Sarazins Thesen, eine neue Debatte über Migration aus. Gleichzeitig werden die Ängste vor Überfremdung und Islamisierung geschürrt. „Der Glücksfinder“ setzt ein deutliches Zeichen dagegen. Der Leser begreift schnell, dass man nicht alle Bürger eines Lands in einen Topf werfen kann und nicht alle Afghanen gleichzeitig Taliban sein müssen.

Um die Problematik des Buches insgesamt zu erfassen, ist einiges Vorwissen nötig. Der zehnjährige Hamayun sieht auf der einen Seite viele Dinge für selbstverständlich an. Auf der anderen Seite begreift er Manches nicht, weil er nicht in die Gespräche der Erwachsenen einbezogen wird. Der Leser muss in groben Zügen über das Taliban-Regime bis 2001 in Afghanistan Bescheid wissen. Außerdem wird an einigen Stellen auf den 11. September 2001 und den Afghanistankrieg angespielt. Auch hier versteht man mehr, wenn man die Zusammenhänge von Anfang an kennt. Das ist aber auch der einzige negative Punkt, den ich in diesem Buch finden kann.

"giulio piscitelli" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"giulio piscitelli" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Das Ende beleibt offen. Es gibt sogar zwei alternative Enden. Das eine ist ein Happyend. Das zweite Ende wollte ich zunächst gar nicht lesen. Zu sehr war mir Hamayun ans Herz gewachsen. Beide Enden bleiben recht offen. Das hat mir besonders gut gefallen. Eine Patentlösung passt einfach nicht zum Rest des Buches. Trotzdem war ich sehr erleichtert, als ich im Text über den Autor gelesen habe, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Fazit:

„Der Glücksfinder“ regt an über Asylbewerber nachzudenken und genauer hinzusehen. Nachdem man diese Buch gelesen hat, kann man nicht mehr pauschal über „die Ausländer“ urteilen. Der Roman ist unbedingt weiterzuempfehlen. Nicht umsonst wird das Buch in den Niederlanden hochgelobt.

Erschienen im Carlsen-Verlag

Alle Bilder in diesem Artikel stammen von Giulio Piscitelli, einem italienischen Fotografen. Er hat im März eine Gruppe Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Italien begleitet. Mit seinen Fotos möchte er auf die schlechte Situation der Flüchtlinge auf Lampedusa hinweisen. Weiter Fotos sind auf jugendfotos.de veröffentlicht.

Buchbesprechung: Herz auf Sendung

In Schwerelos on Juli 2, 2011 at 4:26 pm

Der Sommer ist (zumindest zeitweise) da und den ein oder anderen Tag verbringt man dann gerne am See. Da darf ein Buch mit leichter Thematik nicht fehlen. „Herz auf Sendung“ von Anja Goerz ist genau so ein Buch, von dem man sich berieseln lassen kann.

Ina, Mitte zwanzig, eher Vollblutweib als Germanys next topmodel, Redaktionsassistentin beim Inselradio, ist über beide Ohren in den Moderator der Frühschicht verliebt. Dieser scheint sich allerdings eher für ihren Kaffee als für Ina selbst zu interessieren. Das Senderfest soll den Traummann endlich in erreichbare Nähe rücken. Und tatsächlich, am nächsten Morgen findet sich ein Knutschfleck auf Ina´s Hals. Dumm nur, dass sie sich an gar nichts mehr erinnern kann. Zusammen mit ihrer besten Freundin Meike macht sie sich auf die Suche nach dem Mann, mit dem Ina das Bett geteilt hat. Ina ist voller Hoffnung das ihr Traummoderator Jan sie nun endlich erhört hat. Meike bleibt eher skeptisch, schließlich lässt Jan seit besagter Nacht nichts mehr von sich hören.

rowohlt-Verlag

rowohlt-Verlag

Mein Fazit

„Herz auf Sendung“ zählt zur typischen Frauenliteratur. Daher lassen sich auch die typischen Handlungsstränge erkennen. Man nehme eine eher durchschnittliche Frau, einen gutaussehenden Mann, eine unerfüllte Schwärmerei – fertig ist die Handlung. Das Buch ist weder tief gängig noch besonders originell. Trotzdem wurde ich angenehm unterhalten. Ina ist eine Antiheldin zum gern haben. Wer es etwas bodenständiger mag, hält sich an Meike. Die Autorin wittmet sich besonders der Location des Romans – Sylt. Natürlich dürfen da bekannte Orte auf der Insel wie die Sansibar nicht fehlen. Auch die reichen Strandurlauber und überhöhte Preise in exklusiven Bekleidungsgeschäften sind nicht weit.

"Daniela Ross" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Daniela Ross" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Anja Goerz versteht es, den Lesern mit Worten zum Lachen zu bringen. An vielen Stellen findet man sich irgendwie selbst wieder und muss schmunzeln. Die Charaktere sind teilweise etwas überzogen und entsprechen absoluten Klischees – schade, hier sehe ich deutliche Schwachpunkte. Außerdem ist der Fortlauf der Story mehr als vorhersehbar (was auch an der Blaupause-Handlung für Liebesromane liegen mag), am Ende etwas absurd. Wer sich mehr als Unterhaltung von einem Buch erwartet, sollte das Buch lieber aus der Hand legen. Für kurzweilige Unterhaltung im Liegestuhl ist es aber prima geeignet.

2 von 5 Sternen

Das Buch ist im rowohlt-Verlag erschienen.

Diese Rezension ist im Rahmen von Blogg dein Buch entstanden.

Buchbesprechung: Der verbotene Schlüssel

In Schwerelos on Juni 22, 2011 at 1:07 pm

Was machen wir mit unserer Zeit? Wohin geht die Zeit, wenn sie wie im Flug vergeht?
Ralf Isau beschäftigt sich mit diesen Fragen und verpackt seine Überlegungen geschickt in einen Fantasy-Roman.

"Paula M..." / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Paula M..." / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Sophia ist 14 Jahre alt als innerhalb kurzer Zeit sowohl ihre Eltern als auch ihr Großvater ums Leben kommen. Von ihrem Opa erbt sie ein merkwürdiges Ei, dass eine Uhr enthält. Auch das „Merkwürdigste Buch der Welt“ findet sich in seinem Nachlass. Großvater Kollin hat es extra für seine Enkelin geschrieben, um ihr von einer geheimnisvollen Welt zu berichten, die das Uhr-Ei angeblich beheimaten soll. In Mekanis, dem Reich des Stundenwächters Oros, so der Uhrmacher, leben gefühlskalte, mechanisch gesteuerte Organismen – Oros Untertanen. Sophia, als moderne junge Frau des 21. Jahrhunderts glaubt der Geschichte nicht, bis sie schließlich die Uhr aufzieht. Kurzerhand wird sie ins innere des Fabergé-Eies gezogen und findet sich im Labyrinth der Zeit wieder. Dort trifft sie auf Theo, einen jungen Germanen, der schon seit Jahrtausenden in Mekanis gefangen wurde. Gemeinsam wollen sie versuchen, Oros von einem grausamen Plan abzubringen – eine gefühllose, kalte Welt in die Realität umzusetzen. Doch auch der Meister der Zeit hat erkannt, dass sich ihm eine erneute Chance bietet. Seine Späher sind Sophia und Theo dicht auf den Fersen. Diese versuchen unterdessen im „Merkwürdigsten Buch der Welt“ und in Theos Geschichte einen Hinweise zu finden, der ihnen helfen soll Oros für immer unschädlich zu machen.

"Juliane Guder" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Juliane Guder" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Mein Fazit:Ralf Isau ist ein Meister des Erzählens. „Der verbotene Schlüssel“ verschlingt der Leser gleichsam, wie das Uhr-Ei die Protagonistin. Der Autor besitzt die Fähigkeit, Bilder in den Köpfen seiner Leser entstehen zu lassen. Alle Kulissen werden detailliert beschrieben, so dass der Leser die tickenden Uhren in der Wohnung von Ole Kollin geradezu ticken hört. Dabei ist die Beschreibung aber nicht langatmig, sondern genau richtig geraten.
Das Buch umarmt den Leser und nimmt ihn in seine Seiten auf. Schon nach kurzer Zeit fiebert der Leser mit Sophia mit, möchte Theos Geschichte erfahren und flüchtet vor automatisierten Menschen. Dabei gibt es immer wieder Sprünge zwischen Vergangenheit, Mekanis und dem Berlin der Gegenwart. Mal erzählt Theo kapitelweise seine Geschichte, dann findet sich der Leser in mitten metallener Grashalme wieder, die typische Flora Mekanis. Auch wenn Zeitsprünge oft eine Herausforderung für Autor und Leser darstellen, wird hier niemand verwirrt. Die Sprünge kündigen sich, zum Beispiel durch erneutes Aufziehen des Uhr-Eis, im Voraus an und sorgen gleichzeitig für Abwechslung in der Geschichte.

"Petra Heber" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

"Petra Heber" / http://www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Philosophische Alltagsrefelktion

Nicht nur die Geschichte selbst hält den Leser in Atem und bringt ihn dazu, immer weiter lesen zu wollen. Ralf Isau beabsichtigt auch in gewisser Weise Gesellschaftskritik mit seinem Buch zu üben. Wie er in einem Interview sagt, ist er durchaus davon überzeugt, dass auch junge Leute über ihre Lebenssituation bewusst nachdenken können und wollen. Deshalb geht es neben der eigentlichen Story auch um (fast schon philosophische) Alltags-Reflektion. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Das ist eine der Fragen, mit denen sich der Leser beschäftigen soll. Klaut uns unser ganz persönlicher Oros die Stunden, denen wir so hinterherhetzen? Ist es nicht auch schon, einfach mal Zeit zu haben – für sich und für andere? Neben dem zentralen Zeitaspekt stolpert der Leser immer wieder über seinen Umgang mit der Technik – oder sollte man lieber sagen Abhängigkeit? Oros besitzt die Fähigkeit, Maschinen zu kontrollieren – Ipods, Überwachungskameras, Straßenbahnen und Kaffeemaschinen. Theo, der eine Welt voller Elektrik nicht kennt, warnt immer wieder davor, wie abhängig wir Menschen von der Elektronik sind ohne genau zu wissen, was dahinter steckt. Wie sich später herausstellt, sind die Bürger machtlos sobald Maschinen nicht mehr so wollen wie sie.

Erschienen bei cbj

Buchbesprechung: Ich und die Kanzlerin

In Schwerelos on Februar 20, 2011 at 4:12 pm

Ich halte keine Roman in der Hand, sondern ein Tagebuch. Wäre da nicht der Titel sowie Autor und Verlag aufgedruckt, könnte man das weiße Buch mit dem schwarzen Gummizug wirklich für ein Notizbuch halten. Es ist der Praktikumsbericht von Jasmin Behringer. Wir dürfen sie von dem Moment an begeleiten, in dem sie über eine mögliche Praktikumsstelle nachdenkt. Tatsächlich erhält sie die Chance, ihr Praktikum im Bundeskanzleramt zu machen. Also ganz nah dran an der Kanzlerin und den wichtigen Entscheidungen. Jasmin erfährt was „Unter 3“ bedeutet (eine Nachricht, die nur den an dem Gespräch beteiligten Personen etwas angehen) und dass die Reden gar nicht von der Kanzlerin selbst, sondern von einem Ghostwriter geschrieben werden. Aber was sie vor allem feststellen kann ist, dass im Bundestag die Besten der Besten arbeiten. Für jeden wichtigen Bereich gibt es Menschen, die Experten sind und so die wichtigen Informationen an die Kanzlerin weiterleiten. Jasmin darf auch dort hin, wo Zeitungen gelesen werden und dann in eine Pressemappe gelegt werden. Diese Mappen erhalten dann die Politiker um zu wissen, wie die Medien über sie denken.

Einblick in den deutschen Bundestag

Das Buch gibt einen kleinen Einblick in den deutschen Bundestag und das Kanzleramt. Jasmin nimmt zum Beispiel als Besucherin an einer Plenardebatte teil. Außerdem wurde sich bemüht, wirklich realistisch zu schreiben. So gibt es Personen, die durchaus als Anspielung auf einige Politiker zu verstehen sind. Wer nun auch ein Praktikum im Bundestag machen möchte, wird leider enttäuscht. Das ist nicht möglich. Auch Jasmin hat nicht in Wirklichkeit ein Praktikum im Bundeskanzleramt gemacht. Jasmin gibt es auch gar nicht. All das ist eine Erfindung des Autors Martin Baltscheit. Allerdings hat er sich sehr viel Mühe gegeben, diese fiktive Person in die Realität um zu setzen. So gibt es einen Blog (http://meinpraktikumimkanzleramt.blogspot.com) in dem Jasmin alias Herr Baltscheit Fotos postet und berichtet. Das Buch ist allgemein mit vielen Links gespickt, was mir gut gefallen hat. Man kann spzusagen gleich weiterlesen.So gibt es einen Verweis zu den Protokollen der Plenarsitzungen.

„Ich und die Kanzlerin“ ist gut geeignet für Jugendliche, die ihre ersten Erfahrungen mit der Politik machen. Ich würde es für Schülerinnen empfehlen, die zum ersten Mal Politik als Schulfach haben. Die Sprache ist sehr der Jugendsprache angepasst, ohne Fachchinesisch, und das Buch hält sich nicht nur an Fakten. Auch eine kleine Liebesgeschichte kommt darin vor. Martin Baltscheids Ziel war es, Interesse an Politik und Demokratie zu wecken. Das hat er geschafft. Ich persönlich habe allerdings mehr erwartet. Wer – wie ich – hofft, über komplexere Strukturen zu lesen oder erklärt zu bekommen, wie der Tagesablauf der Kanzlerin aussieht, und was nun wirklich ihre Aufgaben sind, wird enttäuscht. Wie der Autor im Nachwort schreibt, war er in einer beliebigen Woche im Bundestag und hat sich vorgestellt, wie es wohl wäre, eine Jasmin Behringer zu sein. Dass er es sich bloß vorgestellt hat, merkt man leider auch im Buch. Was mich sehr gestört hat, waren kleine Phantasien von Jasmin. Diese waren, nüchtern betrachtet, sehr unrealistisch. Dass man sich hin und wieder in ihrer fiktiven Welt und nicht in der wirklichen bewegt, erfährt der Leser erst später. So ging ein Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Mir war es zu dick auf getragen, dass die Kanzlerin Jasmin einen Staatsbesuch empfangen lassen würde, damit sie schlafen kann. Neben diesen negativen Dingen muss man die Gestaltung des Buches aber auf jeden Fall positiv anrechnen. Es gibt am Ende Platz, um sich eigene Gedanken zu machen. Es gibt eine Seite, die unter dem Thema „Fragen an die Kanzlerin“ steht, eine andere ist mit „Visionen für den Weltfrieden“ überschrieben. Das macht das Buch interessant.

Fazit
Für Schüler, die sich mit Politik beschäftigen wollen, aber noch keinen wirklichen Einstieg in die schwere Materie gefunden haben, ist das Buch das Richtige. Um auch für Jugendlich interessant zu sein, die in der Materie drin sind, hätte man das Augenmerk eher auf Strukturen legen sollen und nicht auf die möglichst realistische Darstellung einer fiktiven Protagonistin.

(Auch erschienen auf Lizzynet.de unter meinen Benutzernamen Missmarie: Buchbesprechung Ich und die Kanzlerin )