Marie Bornickel

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Leben in Ebbe und Flut

In Fundstück on Oktober 7, 2016 at 9:40 pm

Gleich hinterm Strand erstreckt sich eine Landschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Mal nass, mal trocken stellt sie eine extremen Lebensraum dar, der seit einigen Jahren sogar UNESCO-Weltnaturereb ist. 

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Credits: Laura Edelmann

„Watt ´n´Meer“, diesen Spruch findet der Norderney-Besucher beim Bummeln durch die Innenstadt auf Postkarten, T-Shirts und Kaffeebechern. Das sandig-matschige Gebiet mit dem Kurznamen Watt liegt nur einige Straßen weiter. Die Strandstraße hinunter führt der Weg vorbei am Deich, hinunter an die Salzwiesen und dann zum Meer. Seit 2009 zählt diese Gebiet zum Naturpark Wattenmeer Niedersachsen. Hält der unkundige Urlauber nur den Bereich hinter dem Strand für das Wattenmeer, weiß der Experte: Das Watt erstreckt sich schon dort, wo die Dünenlandschaft beginnt. Denn Dünen, Salzwiese und der Bereich, in dem das Wasser kommt und geht, zählen zum Wattenmeer dazu. Insgesamt 3.700 Quadratkilometer Fläche umfasst das Schlickgebiet vor niedersächsischen und hamburgischen Küste. Das Gebiet ist damit größer als das Saarland. „Alles das, was unter Wasser stehen kann, bezeichnen wir als Watt – Hochwasser bei Sturmfluten natürlich ausgeschlossen“, fasst es Sarah Leckschat zusammen. Sie verbringt ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Haus Nationalpark Wattenmeer auf Norderney. Dort ist sie für Besucherführungen und SchülerInnen-Seminare zuständig, in denen sie mit 5.- und 6.-KlässlerInnen am Strand auf Spurensuche geht.

Ranger kümmern sich um Naturschutz

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wurde 1986 gegründet und umfasst Watt, Priele und Rinnen, Meeresgebiete, Sandbänke, Strände, Salzwiesen und Dünen vor der Niedersächsischen Küste. Auch außerhalb der bewohnten Gebiete auf den Ostfriesischen Inseln finden sich Flächen, die zum Nationalpark dazu gehören. Ein Blick auf die Landkarte verrät: Das Watt erstreckt sich von der Grenze zu den Niederlanden am Dollart bis zur Elbmündung bei Cuxhaven. Dabei umfasst der Nationalpark eine Küstenlinie von 260 km.

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Credits: Christian Wegerle

Das Gebiet unterteilt sich in drei Zonen: Ruhezonen, Zwischenzonen und Erholungszonen. Ruhezonen sind strikte Schutzgebiete. Sie machen den größten Teil des Parks aus. Diese Zone darf ganzjährig nur auf den gekennzeichneten Wegen betreten werden. Ranger sind dafür verantwortlich, dass diese Regeln auch eingehalten werden. “Die Ranger schicken auch schon mal Urlauber auf Abwegen zurück in die Stadt”, erzählt die FÖJlerin. Die Zwischenzone darf hingegen außerhalb der Brutzeit, von Anfang April bis Ende Juli, auch abseits der Wege betreten werden. Die Erholungszone umfasst schließlich Strände, an denen Störungen, durch beispielsweise Autos, untersagt sind. Urlauber dürfen sich hier aufhalten, müssen ihren Müll aber wieder mitnehmen.

Nach siebenjährigen Bestehen als Nationalpark wurde das Gebiet 1993 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt. Ein großer Schritt in Richtung Naturschutz ergab sich 2009, als das Watt nach jahrelangen Schutzbemühungen schließlich zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde. Während des Prozesses zur Anerkennung zum Weltnaturerbe wurde die Fläche des Nationalparks von ursprünglich 244.000 ha im Jahr 1986 auf mittlerweile 345.000 ha vergrößert.

Leben in extremen Umgebungen

Im Haus Nationalpark Wattenmeer werden nicht nur Stranderkundungen bei Ebbe angeboten. Eine Ausstellung informiert interessierte Besucher über die drei Bereiche Ökologie, Geologie und Biodiversität – über jene Kriterien, nach denen die UNESCO das Wattenmeer als Weltnaturerbe ausgewählt hat. Hinter den wissenschaftlichen Fachbegriffen verbergen sich Vorgänge, die so nur an der Nordsee ablaufen. Am bekannteste ist wohl Ebbe und Flut. Wenn das Meer geht (in der Fachsprache heißt das trocken fällt), lässt es auf den ersten Blick eine öde Sandfläche zurück. Bei genauem Hinsehen verbirgt sich in diesem extremen Lebensraum aber wuseliges Leben.  10.000 Tier- und Pflanzenarten besiedeln die feuchte Schlickfläche. „Faszinierend sind die vielen kleinen Bewohner, wie die Muscheln“, zeigt sich auch Sarah Leckschat von der Vielfalt begeistert. Zu ihnen gehört zum Beispiel die Herzmuschel, die viele Strandbesucher als angespültes Strandgut kennen. Eine im Watt ausgegrabene lebende Muschel gräbt sich in wenigen Sekunden mit ihren kurzen Beinchen in den Meeresboden ein. Auf ähnliche Weise schützt sich auch der Wattwurm vor Fressfeinden: Ein Haufen „Sand-Spaghetti“ verrät, wo sich ein Wurm ca. 30 Zentimeter tief im Boden verbirgt. Der Wurm hat sich perfekt an die widrigen Lebensbedingungen angepasst und leistet ganze Arbeit für andere Wattbewohner. Weil er den Boden umgräbt und den Sand verdaut, transportiert er Nahrungsmittel für Scholle, Austernfischer und Co. an die Oberfläche. Doch für den Wurm hat die Anpassung einen Preis: Außerhalb des Wattenmeers kann er nicht überleben. So geht es den meisten Bewohner hier. Ohne das Watt wären sie aufgeschmissen.

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Credits: Claudia Flach

„Die größte Bedrohung für das Wattenmeer ist der Mensch“, erklärt die FÖJlerin. Auch wenn das Watt heute unter Naturschutz steht, stellen Hundebesitzer, Touristen und Bauherren die Schutzbedürftigkeit des Watts immer wieder in Frage. So berichtet Sarah Leckschat von Vögeln, die am Plastik in ihrem Magen verhungert sind oder Hunden, die brütende Vögel in den Salzwiesen aufschrecken. Hinzu kommen laut WWF Giftstoffe, die über die Flüsse ins Watt gelangen. Ebenso soll die Ölförderung in der Nordsee dem Umweltverband zur Folge stark ausgebaut werden. Zwar dürfen die Bohrinseln nicht im Naturschutzgebiet errichtet werden, doch in direkter Grenznähe ist ein Bau möglich. „Die Tiere halten sich natürlich nicht an diese Grenzen und werden trotzdem gestört“, fasst es Sarah Leckschatz zusammen. Das Zusammenleben auf der Insel macht diese Tatsache nicht einfacher. Und so heißt es auch auf der Website der Stadtverwaltung Norderney:“ Sicherlich ist es nicht immer einfach, den Interessen von Natur und Tourismus und dem Wunsch nach freier Entfaltung gerade auf dem begrenzten Raum einer Insel zu entsprechen.“

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Lukas Höppner auf einem Rechercheseminar der Jungen Presse Niedersachsen auf Norderney. 

 

 

 

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