Marie Bornickel

Umjubelt in die Opposition

In Botengang on September 25, 2017 at 11:19 am

Schlechtestes Ergebnis in der Parteigeschichte und überwältigende Zustimmung für den Spitzenkandidaten – die SPD-Anhänger im Willy-Brandt-Haus hoffen auf Niedersachsen und eine Neuausrichtung der Partei. Währenddessen dominiert die AfD auch nach dem Wahlkampf den Diskurs der SPD.

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Noch größer als das Entsetzen über das eigene Wahlergebnis, scheint die starke AfD hervorzurufen. Als um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen die SPDler erreicht, schlagen viele Gäste bereits die Hände vor den Mund, als der CDU nur 33 Prozent prognostiziert werden. Die 20 Prozent der SPD senken die ohnehin schon bleiernde Stimmung kaum.  Erst die 13,9 Prozent für die AfD lassen ein Raunen durch das Willy-Brandt-Haus gehen. Danach herrscht mehrere Sekunden lang betretende Stille. “Darauf kann man nur noch Schnaps trinken”, lautet schließlich einer der ersten Reaktionen. Auf die Frage, welcher Schock denn nun der größere sei, wissen viele Sozialdemokraten kurz nach 18 Uhr noch keine rechte Antwort. “Beides ist erschreckend”, die Antwort einer Mitarbeitern des Arbeitsministeriums zählt noch zu den konkreteren Äußerungen. Drastischer formuliert es ihr Nebenmann. Er sei geschockt, das Wahlergebnis sei niedriger, als befürchtet. Auch das schlechte Abschneiden der Unionspartei mache ihm Angst. Nur wenige zeigen sich optimistisch. So will eine junge SPDlerin noch nicht alle Hoffnung aufgeben: “Das sind ja alles nur Prognosen. Eine ersten Hochrechnungen kommen ja erst noch und da sollte die SPD stärker sein.” Bis zu 2,5 Prozent mehr seien ihr zur Folge noch möglich.

Toleranz, Gemeinsinn und Respekt

20 Prozent, das historisch schlechteste Ergebnis der Sozialdemokraten. Woran es denn nun gelegen habe – diese Frage steht fast greifbar im Raum. Die meisten SPDler sind sich sicher: Martin Schulz ist es jedenfalls nicht. Auf ihren Spitzenkandidaten lassen die Genossen nichts kommen. Minutenlange Martin, Martin-Chöre schallen durch das Willy-Brandt-Haus als der Kanzlerkandidat das Podium betritt. Drei Mal muss der Spitzenkandidat ansetzen, bevor er sich Gehör verschaffen kann. Es scheint, als wollen die Sozialdemokraten zeigen: Wir stehen hinter dir – trotz schlechtem Ergebnis. Wir sprechen dich frei von jeder Schuld am schlechten Abschneiden der SPD.

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Frenetischer Jubel, als der ehemalige Parlament des EU-Präsident verkündet, die SPD als Vorsitzender auf einen Kurs der Rückbesinnung auf Toleranz, Respekt und Gemeinsinn zu führen. Gerechtigkeit nennt Schulz nicht, als er die sozialdemokratischen Werte hochhält. Auffällig deutlich umschifft er das Schlagwort seiner Wahlkampfkampagne, für das er oft kritisiert worden ist. Zu blass und allgemeingültig wirke der Begriff, hieß es auch aus den Reihen der SPD. Das Wahlergebnis wolle er nun “offen und ehrlich” mit der Parteibasis analysieren und sich dafür “genügend Zeit nehmen”. Auf eine solche Neuausrichtung hoffen auch die Mitglieder der Partei: “Die Opposition gibt uns Zeit, die Pragmatik zu erneuern. Wir müssen die frühere Probleme überwinden und vor allem Theme wie die Pflege stärker in den Fokus stellen.” Auch der Wunsch, alte Erfolge endlich für sich selbst verbuchen zu können, wird im Laufe des Abends immer lauter: “Die SPD hat alle Erfolge an die CDU abgegeben. Schon seit den Hartz-IV-Reformen ist das so. Wir hätten sagen sollen: Gut, das ist so gelaufen, aber die geringe Arbeitslosigkeit haben wir der Reform zu verdanken und eben nicht Merkel.”

Schulz empfiehlt Gang in die Opposition

Umringt vom sozialdemokratischen Spitzenpersonal, das mit betretenden Mienen zu Schulz Rede beiträgt, schafft der es, die richtigen Worte zu finden. Den “Nie-wieder-Mutti”- und “Schluss-mit-der-GroKo”-Schilderträgern verspricht er: “Mit dem heutigen Tag endet die Zusammenarbeit mit der CDU. Ich bin angetreten, um Kanzler zu werden. Daher ist es gut und richtig, dass ich der Partei heute Abend empfohlen habe, in die Opposition zu gehen.” Erneuter Jubel und Applaus. Das schlechte Wahlergebnis wird hinter vorgehaltener Hand als Segen bezeichnet. Endlich besinne sich die Partei zurück auf ihre sozialen Wurzeln. Wie gut und richtig diese Empfehlung wirklich ist, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Nicht nur Angela Merkel kritisiert die kategorische Absage an eine erneute Regierungszusammenarbeit. Auch innerhalb der SPD-Basis haben viele Mitglieder auf die angekündigte Abstimmung gesetzt. “Die Basis anzuhören, das ist der richtige Weg”, hieß es unmittelbar vor Schulz Auftritt. Doch zum zweiten Mal lassen die Sozialdemokraten nichts auf ihren Martin kommen. “Seine Empfehlung wird dem Wahlergebnis der Basis entsprechen”, zeigt sich die junge SPDlerin überzeugt, die kurz zuvor noch auf eine Abstimmung innerhalb der Partei setzen wollte.

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AfD dominiert auch nach der Wahl

Neben den beiden wichtigsten Fragen nach Opposition und Parteiführung räumt Schulz der AfD den größten Raum seiner Rede ein. “Besonders erdrückend für uns ist die Stärke der AfD. Das ist eine Zäsur. Zum erstem Mal seit dem zweiten Weltkrieg zieht heute eine rechtsextreme Partei in Fraktionsstärke in den Bundestag ein.” Damit setzt er einen Trend fort, der sich bereits im Wahlkampf abgezeichnet hat: Die AfD setzt die Themen, die großen Partein springen entsetzt auf den Zug auf, indem sie gegen die Partei argumentieren. So ist es wenig verwunderlich, dass Schulz zum Ende seiner Rede ein Statement gegen Rechts setzt: “Wir werden mit Vehemenz und Leidenschaft gegen die AfD vorgehen. Wir sind das Bollwerk der Demokratie gegen die rechte Fratze.”

 

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„Der Wahl-o-mat vereinfacht genau so, wie er soll“

In Botengang on September 24, 2017 at 2:50 pm

Kindergeld nur für Deutsche, Banken in staatlicher Hand oder den Einsatz der Bundeswehr im Inneren – die Wahlentscheidung zwischen Themen, Parteien und Inhalten fällt nicht leicht. Seit 15 Jahren hilft der Wahl-o-mat der Bundeszentrale für politische Bildung beim Parteienvergleich. Wie aus Wahlprogrammen Thesen werden und warum weder Russland noch Erdogan im Wahl-o-maten auftauchen, erklärt Jungredaktuer Jimmy Dögerl im Hintergrundgespräch.

Bonn im Frühjahr: 26 junge Menschen aus der gesamten Bundesrepublik treffen sich, um die wohl bekannteste Wahlhilfe Deutschlands vorzubereiten. „Die einzelnen Parteipositionen sind in unseren Diskussionen nicht relevant gewesen“, erinnert sich Jimmy Dögerl an das erste Treffen der Jugendredaktion im Frühjahr zurück. Statt um politische Diskussion ging es darum, die bedeutensten Themen herauszufiltern. 33 Wahlprogramme haben sie dafür gelesen, denn auch Kleinsparteien können im Wahl-o-maten mit den etablierten Kräften verglichen werden. „Wirklich überrascht haben mit die Programme der kleinen Parteien“, so Dögerl, „die Grauen begründen zum Beispiel ihr Wahlalter ab 14 damit, dass man von da an strafmündig ist. Man soll über die Gesetze, unter die man fällt, auch entscheiden dürfen. Das fand ich eigentlich ganz schlüssig.“ Die CDU stellte eine besondere Herausforderung dar. „Das Wahlprogramm der CDU war im Frühjahr noch gar nicht veröffentlicht, da mussten wir ein bisschen raten. Wenn zum Beispiel Sicherheit auf den Wahlplakaten steht, wird das wohl auch ein wichtiges Thema für die Partei sein.“

Weder China, noch die USA

Aus den Recherchen entstanden etwa 200 Thesen, die überarbeitet von Journalisten und Politikwissenschaftlern, den Parteien vorgelegt worden sind. Um die inhaltlichen Positionen kümmerten sich also die Parteien selbst. „Aus den Antworten haben wir bei einem zweiten Treffen die finalen 38 Thesen ausgesucht“, erklärt Dögerl. Daher steht eine These meist für einen ganzen Themenbereich: „Die Krankenkassenthese deckt nun alles ab, was mit Gesundheit zu tun hat – ist in der Realität natürlich nicht so.“ Dögerl selbst hat an den Thesen zur Außenpolitik gerarbeitet. In der Endversion fehlen einige seine Lieblingsthemen: „Es ist kein Russland, kein China, keine Türkei und keine USA drin – da war ich schon überrascht“. Ist das Thema zu kompliziert, sinkt die Chance auf den Einzug in die fertige Software. Dögerl gibt zu: „Sanktionen für Russland kann man ehrlich gesagt schwer in einer eindeutigen These formulieren.“ Stimmen alle Parteien einer Aussage zu oder lehnen sie gemeinschaftlich ab, fällt diese These ebenfalls raus. Stehen alle großen Parteien einer Aussage neutral gegenüber, ist auch das ein Löschungsgrund. „Wir sind da sehr vorsichtig. Möglicherweise war die These schlecht formuliert“; erklärt der Jugendredakteur.

Terrorismus klingt dramatisch, soziales positiv

Um die Formulierungen dreht sich der größte Teil der Diskussionen. Zur Hälfte müssen die Thesen einem eher rechten Spektrum zugeordnet werden können. Zur anderen Hälfte dem linken. Die User müssen die Thesen verstehen können, Fachjargon wie europäische Integration müssen zu europäischer Zusammenarbeit umformuliert werden. Gleichzeitig darf die Sprache aber nicht zu einfach sein.  „Manche Wörter sind emotional aufgeladen“, ergänzt Dögerl, „bei Terrorismus denken viele, dass das schlimm ist und man etwas dagegen tun muss. Soziales wird eher positiv bewertet.“

„Für die Wahlentscheidung ist jeder selbst verantwortlich“

Trotz aller sprachlichen Sorgfalt stehen die Thesen regelmäßig in der Kritik. Zu stark werden die politischen Inhalte vereinfacht, so die Kritiker. Komplexe politische Themen könne man nicht in einen Satz fassen. Einfache Ja-Nein-Antworten ersetzen keine politische Entscheidung. Die Kritik wirkt umso schwerer, als dass der Wahl-o-mat für viele User mehr ist, als ein einfacher Parteienvergleich und Wahlentscheidungen beeinflussen kann. Auch Jimmy Dögerl kennt die Argumente der Kritike. Dennoch ist er vom Wahl-o-maten überzeugt: „Der Wahl-o-mat vereinfacht nicht zu sehr, sondern genau so, wie er soll. Außerdem: In einer Demokratie ist jeder selbst für seine Wahlentscheidung verantwortlich und auch für die Faktoren, von denen er eine Entscheidung abhängig macht.“ Trotzdem sieht er im Projekt Wahl-o-mat großes Potential. „Wenn die Parteien auf die Thesen antworten, müssen sie sich positionieren. Die AfD hat sich zum Beispiel positiv zur These positioniert, dass der Holocaust Teil der deutschen Erinnerungskultur sein sollte – zumindest mit Einschränkungen in der schriftlichen Ausführung.“ Und auch auf der persönlichen Ebene hat der Student dazugewonnen: „Es ist erstaunlich, wie sachlich man über Politik reden könnte.“

Knapp 13 Millionen Menschen haben sich bisher mit Hilfe des Wahl-o-maten der Bundeszentrale für politische Bildung über die Parteien und ihren programmatischen Inhalten informiert. Mit dem größten Aufkommen rechnet Jugendredakteur Jimmy Dögerl aber erst am Wahlwochende. „Viele Wähler entscheiden sich erst kurz vor dem Gang in die Wahlkabine dafür, wo sie ihr Kreuz machen“, so der Politikstudent. Dementsprechend hoch seine die Anfragen kurz vor dem Wahltag. Der Nutzerrekord der vergangenen Bundestagswahl wurde bereits geknackt.

Dieser Text ist im Rahmen des Bundestagswahlreportageseminar der Jungen Presse Niedersachsen entstanden und erscheint in deren Zeitschrift „Das Journal“.

 

 

Ein lebendes Inseldenkmal

In Schwerelos on Oktober 14, 2016 at 10:26 pm

Ausrufer gibt es nur noch wenige in Deutschland. Bernd Krüger ruft die Bekanntmachungen auf Norderney aus und ist selbst zu einem Stück der Insel geworden. 

„Bekanntmachung – Bekanntmachung“, schallt es über den Marktplatz. Das e in Bekanntmachung ordentlich lang ziehend verkündet Bernd Krüger die Informationen des Tages. Wann das Kino öffnet, was im Theater gespielt wird und welche Öffnungszeiten das Schwimmbad heute hat. Er arbeitet als Ausrufer auf der Insel Norderney – ein Beruf mit Tradition. Früher, als Radioempfänger noch nicht in jedem Haus zu finden waren, hatte fast jede Stadt einen Bediensteten, der den Menschen die Neuigkeiten des Tages verkündete. Mit der Entwicklung der neuen Medien und sinkenden Zeitungspreisen wurde der Beruf des Ausrufers bald obsolet. Viele Städte kündigten ihren Ausrufern und bald geriet das Amt vieler Orts in Vergessenheit. Eine Ortschaften jedoch haben sich diese Tradition bewahrt – oder haben sie wie im Fall von Norderneys wieder aufleben lassen. „Als ich ins Amt kam, gab es hier keine Ausrufer mehr, dass kann ich Ihnen erzählen“, berichtet Bernd Krüger. Er arbeitete über vierzig Jahre lang als Verwaltungsangestellter in der Stadt, bis eines Tages der Renteneintritt vor der Tür stand. „Wie es dann weiter ging, dass kann ich Ihnen erzählen. Plötzlich stand der Leiter der Kurverwaltung bei mir in der Tür und fragte ‚Bernd, willste das nicht machen?‘ und da habe ich ja gesagt.“

Ein lebendes Wahrzeichen der Insel

Dass er eines Tages zu den lebenden Wahrzeichen der Insel gehören würde, hatte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht träumen lassen. Jetzt ist er bei Urlaubern und Einheimischen gleichermaßen bekannt. Er kann kaum durch die Straßen gehen, ohne von einem Norderneyer gegrüßt zu werden. Oft laufen Bernd Krüger auch Scharen von Kindern hinterher, für die er stets Gummibärchen und Luftballons in der Tasche hat. 50 bis 100 Luftballons pro Tag würde er aufpusten, so Krüger. Sogar ins Fernsehen habe es der 68-Jährige schon geschafft, zuletzt zur Sendung Verstehen sie Spaß?!. Vor dem Platz den Conversationshauses, dem Herzstück der Stadt, hat Krüger Motsi Mabuse und Co. anmoderiert. „Ich werde immer wieder von Gästen angesprochen: ‚Hey, Sie habe ich doch gestern im Fernsehen gesehen!'“, berichtet der Ausrufer. Will er doch mal seine Ruhe haben, legt Krüger seine Ausrufer-Kluft ab. Dann werde er selbst von manchem Inselbewohner nicht erkannt. Die Kluft hat sich der begeisterte Hobbygärtner selbst zusammengestellt, eine offizielle Kleidung für Ausrufer gibt es nämlich nicht. Neben einem blau-weiß gestreiften Fischerhemd, das typisch für die Region ist, trägt Krüger eine auffallend Schiffermütze. Das rot ist von Regen und Sonne ausgeblichen, doch die unzähligen Anstecker fallen ins Auge. Fast alle großen Städte Niedersachsens sind vertreten: Hameln, Harz und Hannover finden sich dort beispielsweise. Auch einige Städte weiter südlich sind durch einen Pin vertreten. „Woher die kommen, dass kann ich Ihnen erzählen“, beginnt Krüger mit einer seinen Lieblingswendungen, „die habe ich von Gästen bekommen. Die meisten gucken immer: Ist meine Stadt schon drauf? Und wenn nicht, dann schenken sie mir einen Anstecker. Letztens habe ich zum Beispiel Post aus Bremen bekommen, da war die Speckflagge drin.“ Die große, gußeiserne Glocke gehört hingegen zur Ausrüstung jedes Ausrufers dazu. Mit ihr buhlt der Rufende um die Aufmerksamkeit der Inselgäste. Krüger trägt das kleine Gegenstück am linken Ohr als Ohrring. Eine kleine goldene Glocke baumelt leise bimmelnd am Läppchen. „So einen Ohrring habe ich zuerst bei einem Ausruferkollegen gesehen“, beginnt Krüger eine seiner Anekdoten. Einen solchen Ohrring wollte er auch haben und so führte ihn sein Weg zum örtlichen Goldschmied. Der aber musste zugeben, dass so ein Ohrring aus Gold sehr teuer werden würde. So sah sich Krüger nach einer Alternative um und stieß schließlich auf einen Süßwarenladen. Kurz vor Weihnachten wurde dort ein Weihnachtsmann geliefert, der eine passende Glocke trug. Kurzerhand schenkte die Verkäuferin Krüger die Glocke und der zog ins nächste Schmuckgeschäft. Dort kaufte er einen Ohrklipp, forderte die Verkäuferin auf, die Glock daran zu befestigen und fertig war das Schmuckstück und heutige Markenzeichen des Ausrufers.

Mit 15 Jahren auf die Insel

Was man mitbringen muss, um als Ausrufer zu arbeiten? „Für den Job braucht man ein gutes Gedächtnis und Spaß“, kann Krüger wieder erzählen – mit hartem, deutsch ausgesprochenen J. Morgens nehme er alle Zeitungen sowie den Veranstaltungskalender zur Hand und schreibe dann daraus seinen Text. Ab halb 11 beginnt er seine Runde durch die Inselstadt. Gegen ein Uhr ist er fertig – ja nach Andrang. Wenn viele Kinder auf der Insel sind, könne es auch schon mal halb zwei, zwei werden, sagt er. Viele Gäste erkennen ihn aus ihrem letzten Urlaub wieder. „Letztens meinte eine Dame zu mir: Wenn ich Sie sehe, dann bin ich auf Norderney angekommen“, so Krüger und ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Die meisten Besucher halten den Ausrufer für ein Norderneyer Urgestein, doch dass ist Krüger gar nicht. Mit 15 Jahren kam er auf die Insel, aus gesundheitlichen Gründen. „Wie das kam, das kann ich Ihnen erzählen. Die Ärztin sagte, Bernd, du musst nach Norderney, das wird hier nicht besser“, blickt der Rentner heute zurück. Damals brach er seine Lehre in seiner Heimatstadt Hameln ab und zog auf die Insel. Zuvor hatte er die Nordseeinsel ein paar Mal zur Kur besucht und Kontakt zu einer Heimleiterin hergestellt. Die alte Dame bot Krüger nach seinem Umzug ein Zimmer auf der Insel an. „Das war mein Glück – eigentlich hatte ich ganz schön viel Glück. Ich war immer von Leuten umgeben, die mich unterstützt haben“, erinnert sich der Ausrufer. Ein Leben auf dem Festland kann er sich mittlerweile nicht mehr vorstellen. Zu sehr habe er sich an die Insel mit ihren Touristen im Sommer und den ruhigen Wintern gewöhnt. S0gar die unter Einheimischen weniger beliebten Kegelclubs nimmt Krüger in Schutz: „Die meisten wollen einfach nur Spaß haben und sind ganz harmlos. Wenn sie durch die Stadt gehen, dann sehen sie vielleicht 50 Personen und zwei benehmen sich schlecht – aber an die erinnern Sie sich. Das ist doch kein vollständiges Bild!“ Für Krüger gehören die Touristen, ob als Familie oder Club, zum Leben dazu.

Laute Sommer und leise Winter

Trotz des Troubles ist der Sommer seine Lieblingsjahreszeit. Dann kann er nämlich in seinem Schrebergarten sitzen – sein Paradies auf Erden und größtes Hobby. Über fünfzig Gartenzwerge hat er an seinem Lieblingsort auf der Insel schon aufgestellt. Auch der Garten hält den Mann auf der Insel. „Ich kann nicht lange weg, ich muss mich ja um meinen Garten kümmern“, stellt der Ausrufer klar. Und dann ist da auch noch sein Nebenjob als Ausrufer von Ostern bis Oktober. In acht Jahren Dienst habe er kein einziges Mal gefehlt, berichtet Krüger stolz. Und so soll es auch weitergehen, möglichst lange hoffentlich, so lange, wie die Gesundheit mitmacht.